23. Mai 2019

Zwischen R2D2 und Homo Sapiens

Was eine digitalisierte Welt uns nicht geben kann

Kommentar von Jacqueline Turek

Wir leben seit geraumer Zeit in einem immer digitaler-werdenden Kosmos. Doch mehr und mehr Menschen wollen sich dem Rhythmus dieses binären Systems nicht mehr anpassen; denn Nullen und Einsen können einfach nicht beschreiben, was wir fühlen, können uns keine echten, sinnlichen Erlebnisse geben und suggerieren uns in vielerlei Hinsicht sogar Dinge, die nicht der Realität entsprechen.

So hat der durchschnittliche Nutzer auf Facebook 342 Freunde und trotzdem kann er sich hinter dem kalten Bildschirmlicht verdammt einsam fühlen. Denn seien wir mal ehrlich, wie viele von den durchschnittlich mehreren Hundert „Freunden“ kennen wir denn wirklich? Mit welchen von denen würden wir uns auch im Real-Life auf einen Kaffee treffen? – Ich denke, die Zahl sänke in einen zweistelligen Bereich.

Nur, weil nun alles in kürzester Zeit möglich ist, ein Klick genügt, um „Freundschaften“ zu schließen oder auszudrücken, was sonst zwei Worte Zeit bräuchte („Gefällt mir“), Entfernungen keine Rolle mehr spielen und unser Umfeld immer genau weiß, was man gerade macht, gegessen hat und ob man heute auch brav beim Sport war – heißt das noch lange nicht, dass es uns alleinig glücklich macht. Meine steile These lautet: Der Mensch braucht mehr als nur Likes auf Instagram, eine riesige, direkt zugängliche Informationsflut und die Möglichkeit, überall und jederzeit Filme und Serien zu streamen! Eine solche Lebensweise würde vielleicht für R2D2 funktionieren, aber eben nicht für den (im Regelfall) sozial-veranlagten homo sapiens.

Realer Kontakt mit anderen Menschen, aber auch die sinnliche, ganzheitliche Wahrnehmung von Gegenständen oder Situationen sind einfach wichtig für das psychische Wohlbefinden und ein gelungenes, menschliches Miteinander. Es fängt schon damit an, dass eine Face-to-Face-Kommunikation so viel einfacher ist, als alles über WhatsApp auszudiskutieren. Bei Letzterem sind Missverständnisse ja gerade vorprogrammiert, denn Tonfall, Mimik und Gestik – also all das, was die intentionale Interpretation unterstützt – fallen hier weg. Dann wird auch noch ein Smiley falsch gedeutet und zack, endet der Chat in einem zweiwöchigen, beleidigten Schweigen oder sogar in einem De-Abonnement auf Instagram.

Des Weiteren haben auch eine handschriftliche Notiz oder ein Buch aus Papier noch eine andere emotionale Qualität als die getippte Mitschrift oder das platzsparende E-Book. In heutiger Zeit sind das Gefühl von Papier in den Händen, der Geruch von einem frisch gekauften Buch in der Nase oder auch der Moment der Genugtuung, wenn man auf das Anbetteln des Druckers verzichten und trotzdem seinen Lernzettel in den Händen halten kann, Erlebnisse, die uns aus der rein audiovisuellen Welt des Computers herausholen können. Sie sorgen dafür, dass wir bewusster leben, Dinge nicht einfach nur an uns vorbeiströmen lassen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes in ihrer Natur „erfassen“ können.

Dementsprechend ist es in einer digitalbasierten Welt, wie der unseren, wichtig, die richtige Balance zu finden zwischen digitaler Effizienz und menschlichen Grundbedürfnissen.