18. April 2019

Worms in Aachen

Theater Aachen inszeniert "Die Nibelungen"

Worms in Aachen

Das Stilmittel der Überhöhung findet sich auch in den Kostümen wieder: Hagen (Benedikt Voellmy, v. l.), Brunhild (Melina Pyschny), Siegfried (Tommy Wiesner) und Gunther (Julian Koechlin). (Foto: Marie-Luise Manthei, Theater Aachen)

von Lara Kleyker


Burgunderkönige. Drachentöter. Liebe, Hass, Verrat und Rache. Christina Rasts Inszenierung von Friedrich Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“ bringt den wohl bekanntesten germanischen Sagenstoff auf die Bühne und bietet bis Juni die Gelegenheit, die geschichtsträchtige Materie um den Untergang eines verblendeten Herrscherhauses in einem neuen Licht zu sehen. Denn Regisseurin Christina Rast und Dramaturgin Inga Zeppelfeld verstehen es, das Innere der Figuren nach außen zu kehren und durch die Psychologisierung des historisch als Nationalepos instrumentalisierten Stoffes aufzudecken, was hinter dem heroischen Schein steckt: Selbstgefälligkeit, Gier und Nationalismus.

Was erwartet den Zuschauer bei einem Stück, dessen Inhalt bereits bekannt ist? Denn wer kennt sie nicht, die Nibelungensage mit ihren im Laufe der Kunst- und Kulturgeschichte ikonisch gewordenen Stationen und Standbildern? Von der Ankunft Siegfrieds am Hof in Burgund und seinem Werben um die junge Kriemhild, über seinen Pakt mit ihrem Bruder Gunther, die isländische Herrscherin Brunhild mittels einer List zu besiegen und dem schwächlichem König zur Braut zu gewinnen sowie im Ehebett gefügig zu machen. Von der Ermordung Siegfrieds durch Hagen von Tronje bis hin zur durch Kriemhild orchestrierten Vernichtung des gesamten Herrschergeschlechts. Wer sich auf die dreistündige Vorstellung einlässt, den erwartet eine moderne Interpretation, die den Stoff analytisch aufnimmt und zu einer unterhaltsamen und schonungslosen Studie transformiert, die den Untergang der Nibelungen auf das Fehlverhalten einer selbstherrlichen, intriganten und egoistischen Führungsriege zurückführt, welche an ihrem Starrsinn festhält, bis es zu spät ist. Vor dem düster-märchenhaftem Bühnenbild, einem kargen Eichenwald oder dem stürmischen, mythischen Island im 6. Jhd., spielen die zwischen Typen und Individuen oszillierenden Charaktere ihre Intrigen aus und geraten mit jedem Schritt tiefer in die selbstzerstörerische Spirale, die aus der brutalen Behandlung zweier stolzer Frauen, Kriemhild und Brunhild, erwachsen wird.

„Wer ists der heute sterben will?“

Die Instrumentalisierung der beiden Frauen wird zum entscheidenden Motor des Untergangs. Melina Pyschnys Brunhild präsentiert sich als starke, rockige und unbezwingbare Walküre, deren schauerliche Dynamik mit der fantastisch gespielten Amme Frigga (Thorsten Borm) den mythischen Charakter des Stoffes einbringt. Eine selbstbewusste Kämpferin, die erst durch Gunthers List bezwungen werden kann. Erst muss Siegfried (Tommy Wiesner), dessen übergroßes Schwert, Balmung, seine historisch oft verklärte Heldenrolle gekonnt ironisiert, Brunhild mithilfe der Tarnkappe an Gunthers Stelle besiegen und sie dann in das Ehebett des schwächlichen Herrschers zu zwingen, um im Austausch Gunthers Schwester Kriemhild zur Frau zu bekommen. Der Streit der beiden Frauen über die brutale Gefügigmachung der einst so starken Brunhild in der Hochzeitsnacht lässt die Gedemütigte zu drastischen Mitteln greifen. Sie beauftragt Hagen, Siegfried zu töten. Gelingen kann es nur, da er Kriemhild die geheime Stelle am Rücken des Unverwundbaren entlockt, an dem das bekannte Lindenblatt ihm beim Bad im Drachenblut den Schutz verwehrt hat. Nachdem der Unbesiegbare besiegt ist, wird die junge und kontrollierbare Kriemhild zur leidenschaftlichen Rachegöttin.

„Ich rufe Klage über Hagen Tronje.“

Der analytische und künstlerische Umgang mit dem Stück fokussiert sich gegen Ende, als die Todgeweihten an der langen Tafel des Hunnenkönigs Etzel sitzen, auf die historische Inanspruchnahme des Nibelungenlieds für propagandistische Zwecke, wenn das verhängnissvolle Nationalgefühl der Burgunder durch ihre Skandierungen nationalistischer Lieder Felix Dahns hervortritt: „Brach Etzels Haus in Glut zusammen, als er die Nibelungen zwang, so soll Europa stehn in Flammen bei der Germanen Untergang!“. Wohin der blinde Nationalismus und Egozentrismus sie geführt haben, stellen sie früh genug fest, als Kriemhild die Vergeltung an ihrer eigenen Familie übt. Kritisch, bildgewaltig und mit emotional gespielten starken Frauenrollen ist „Die Nibelungen“ für jeden zu empfehlen, der mit dem Stoff vertraut und an der psychologischen Komponente interessiert ist.