16. Januar 2019

„Wir müssen miteinander reden!“

Premiere des Schauspiels „Ich werde nicht hassen“ im DasDa-Theater

„Wir müssen miteinander reden!“

Mohammad-Ali Behboudi überzeugt mit seiner Darbietung der Lebensgeschichte Izzeldin Abuelaishs (Foto: Ulrike Bieler)

von Jakob Zahler und Judith Peschges


Izzeldin Abuelaish wird 1955 als jüngster Sohn im Flüchtlingslager Jabalyia in Gaza geboren. Bereits als kleiner Junge übernimmt er Verantwortung für die Versorgung seiner Familie. Tagsüber besucht er begeistert die Schule und nachts stapelt er Orangenkisten, um seine Familie zu unterstützen. Irgendwann bricht er mit geschwollenen Gelenken zusammen und wird in ein Krankenhaus gebracht. „Mein Aufenthalt dort hat mir die Augen geöffnet. Hier begegnet man den Ärzten mit Respekt.“ Izzeldin beschließt, Medizin zu studieren. Bis es soweit ist, muss er als Jugendlicher mit ansehen, wie das Haus seiner Familie von Bulldozern überrollt wird. Anders als sein politisch aktiver Bruder ist der Palästinenser überzeugt, dass Bildung der Schlüssel zu allem ist und Gewaltausübung sowohl von palästinensischer als auch von israelischer Seite zu nichts führe.

Schwere Schicksalsschläge

Izzeldin ist mit nur vier weiteren Palästinensern für das Medizin-Studium in Kairo zugelassen. Anschließend tritt er eine Stelle in der Gynäkologie der Soroha-Klinik in Israel an und ist damit der erste palästinensische Arzt, der jemals in einem israelischen Krankenhaus arbeitete. In Italien und Belgien in der Fruchtbarkeitsmedizin sowie im Gesundheitsmanagement an der Universität zu Harvard bildet sich Izzeldin weiter. 2008 verstirbt seine Ehefrau Nadia an Leukämie. Nur ein Jahr später wird sein Haus in Gaza bombardiert. Izzeldins Töchter Bessan, Mayar und Aya sowie seine Nichte Noor sterben. Statt den Staat Israel zu hassen, engagiert sich der Palästinenser weiterhin für Frieden und Versöhnung und gründet die Stiftung „Daughters For Life“.

Mal laut und mal ganz leise

Mohammad-Ali Behboudi schauspielert von Anfang an, als ob es um sein Leben ginge. Dieser Mann, der da auf die Bühne kommt, in grauem Anzug und weißem Hemd, die Krawatte ordentlich umgebunden, eine silberne Armbanduhr am Handgelenk, tritt bedacht an ein schmales Rednerpult am Rand der Bühne und beginnt „seine“ Geschichte zu erzählen. Behboudi trägt die Erlebnisse des palästinensischen Gynäkologen Dr. Izzeldin Abuelaish so überzeugend vor, dass man beinahe vergisst, dass nicht er sie erlebt hat. Wenn er von seinen Familienfeiern in Gaza erzählt, tänzelt er leichtfüßig über die Bühne, streckt die Arme zur Seite und dreht die Handgelenke zum Klang der Musik. Stimmt er dann ein Lied seiner Heimat an, klingt sein Gesang laut und kraftvoll.

Kein gebrochener Mann

Auf der Bühne steht neben dem schmalen Rednerpult ein Stuhl, darauf liegt eine Decke und im Hintergrund hängt eine Tafel. Das Bühnenbild ist einfach, puristisch. Behboudi nutzt die wenigen Requisiten, um die Zuschauer mit auf die Reise durch „sein“ Leben zu nehmen: Von der Kindheit bis zu Izzeldins Erfahrungen als Arzt, Ehemann und Vater. Er verkörpert Verzweiflung, Glück, Hoffnung, Frust und grenzenlose Trauer so überzeugend, dass man beinahe vergisst, einem Schauspieler zuzusehen. Thematisiert werden die frustrierende Erfahrungen des Palästinensers mit den Checkpoints bei Jerusalem und die scheinbare Willkür, mit der er umher geschickt wird. Auch die Beweggründe palästinensischer Selbstmordattentäter werden beleuchtet. Das Stück endet mit einer Botschaft, die zur Versöhnung aufruft: „Wir müssen miteinander reden.“