7. Mai 2019

Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt

Kommentar von Corinna Körner

Ich liebe Radfahren. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus dem flachen Ostwestfalen-Lippe komme, wo es gar keine Frage ist, welches Verkehrsmittel man wählt – auch für lange Strecken.

Hier in Aachen ist das natürlich anders. „Es ist zu anstrengend“ heißt es. Oder: „Es gibt ja keine Radwege.“ Weil ich das so nie empfunden habe, habe ich im Dezember 2014 sogar einmal eine Hausarbeit darüber geschrieben, warum Leute in Aachen nicht Radfahren. 41 Interviews habe ich dafür ausgewertet. Die vier Hauptgründe waren: (1) Es gibt zu viele Berge. (2) Das Wetter ist zu schlecht. (3) Man kann nicht Fahrrad fahren, weil das letzte Fahrrad gestohlen wurde. (4) Man traut sich einfach nicht.

Alle vier Gründe kann ich verstehen. Den Weg hoch zum Informatikzentrum verfluche ich jedes Mal aufs Neue und bei Sturm über Melaten zu fahren ist alles andere als angenehm. Vor zwei Jahren ist ja sogar eine Radfahrerin vom Blitz erschlagen worden, als hätte das Wetter persönlich einen Hass auf Radfahrende entwickelt.

Zum Thema Fahrraddiebstahl kann wohl jeder eine Geschichte aus dem Bekanntenkreis beisteuern. Ich selbst habe in den letzten drei Jahren vier Fahrräder verloren; alle wurden vor der Haustür gestohlen. Fahrrad Nummer drei hat sogar zwei Jahre durchgehalten, weil es rostete und weder Licht noch Schutzblech noch eine funktionierende Gangschaltung hatte. Und schlussendlich musste in der Silvesternacht doch jemand dringend damit zu sich nach Hause fahren. Als ich den ersten Diebstahl bei der Polizei meldete, sagte der Beamte zu mir: „Was stellen sie es auch raus?“ Berechtigte Frage. Aber zu viele Mietwohnungen in Aachen bieten keinen Platz, um das Fahrrad sicher abzustellen, dasselbe gilt auch für viele RWTH-Gebäude. Wohin also?

Seit Dezember 2014 gab es zahlreiche Aktionen, um mehr Radfahrer auf die Straßen zu locken: Alljährlich wird zum Stadtradeln aufgerufen, um in drei Wochen möglichst viele Radkilometer für die Kommune zu sammeln. Die Critical Mass veranstaltet einmal im Monat eine gemeinsame Radtour, um die Wichtigkeit der Radfahrer zu demonstrieren. Zusätzlich finden Rides of Silence statt, um – ebenso wie die weiß gestrichenen Fahrräder mancherorts – an Radunfalltote zu erinnern. Seit neuestem wird die Radbonus-App beworben: Die App zählt die gefahrenen Kilometer und lässt einen für bestimmte Leistungen an Verlosungen teilnehmen. Ein Kollege von mir hat auf diese Weise vor kurzem eine Schnupperstunde Ponyreiten gewonnen.

Das Problem an all diesen Aktionen: Angesprochen fühlen sich immer nur diejenigen, die eh schon Fahrrad fahren. Also die Harten, Abgesottenen. Mehr Radverkehr erreicht man so sicherlich nicht.

Der Radentscheid könnte dies ändern. Wenn die Radwege sicherer werden, könnte Hauptgrund 4 vielleicht einfach wegfallen. Darum sollte jeder, der noch Hoffnung hat, seine Unterschrift setzen.

Damit mehr Leute, so wie ich, das Radfahren lieben lernen können.