Wechselnde Gesellschaft

Ausgabe 164 Dez. 12, 2018

von Nico Lindstädt

„Die Hölle, das sind die andern“, schrieb Jean-Paul Sartre in seinem Drama „Geschlossene Gesellschaft“ und meinte eigentlich, dass unsere schwierigen Beziehungen für uns höllisch anstrengend werden, da wir uns selbst zu sehr über die Beurteilung anderer definieren. Doch so ist es mit Philosophen und erst recht mit Existentialisten: Sein Spruch ist zur Binsenweisheit geworden, gerade weil ihn niemand auf die intendierte Weise versteht.

Besonders im Sinn von „Menschen sind furchtbar“ verstanden, passt dieser Satz hervorragend zum Dezember und der Weihnachtszeit. Wenigstens gefühlt gibt es keine Zeit, in der wir so anhaltend von verschiedensten Menschen genervt werden. Wir kämpfen uns durch volle Einkaufszentren, halten die Firmenweihnachtsfeiern mit betrunkenen Kollegen aus, fahren zu Verwandten hunderte Kilometer mit der Bahn und landen bei Familienfeiern, bei denen die Entfremdung über das letzte Jahr peinlich spürbar ist. Und so sehnen wir uns immer wieder nach trauter Einsamkeit.

Bei vielen bleibt es nicht beim genervt sein. So gehen beispielsweise in den Frauenhäusern Deutschlands an den Feiertagen circa 40% mehr Notrufe ein als an anderen Tagen. Doch wenigstens das Gerücht, dass an Weihnachten mehr Suizide begangen werden, stimmt nicht. Im Gegenteil: Der Dezember ist der Monat mit den wenigsten Selbsttötungen. Vielleicht schützt uns der Streit mit den anderen wenigstens vor dem Selbsthass.

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