Von Persönlichkeit, Schildkröten und Netzwerken

Abschlussarbeit Nov. 07, 2019

Abschlussarbeiten werden geschrieben, um von zwei Gutachtern gelesen zu werden und dann im Hochschularchiv zu verschwinden? Nein! Die Kármán stellt euch Abschlussarbeiten vor, die zu spannend für den Keller sind. Heute: Sind Freunde, die Fake News teilen, alle Psychopathen? Und was haben Schildkröten damit zutun?

Jeder Internetnutzer hinterlässt eine Vielzahl an digitalen Fußabdrücken. Viele dieser Informationen stellen wir ganz absichtlich in die Weiten des Netzes. Zum Beispiel auf unseren Profilen in Sozialen Medien. Wenn wir uns eine Seite unserer Lieblingsband oft angucken, wird diese Vorliebe in unserem Profil gespeichert. Doch die Psychologie kennt eine große Anzahl an Methoden, die Persönlichkeit eines Menschen anhand seines Handelns zu vermessen, sogenannte Persönlichkeitsmodelle. Könnten die Anbieter von Sozialen Netzwerken mithilfe dieser Modelle Persönlichkeitsprofile erstellen, die bis in die emotionalen Wesenszüge der Nutzer reichen und sie zum Beispiel als Narzissten oder Introvertierte klassifizieren?

Persönlichkeit

Auch Menschen, die nicht Psychologie studiert haben, könnten das „Big Five-Modell“ kennen. Diese Theorie unterscheidet zwischen fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit und wird in Ansätzen schon seit den 1930er Jahren angewendet. Bei den Dimensionen handelt es sich um: Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit), Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus), Extraversion (Geselligkeit), Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Empathie) und Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit). Wie stark diese Dimensionen bei einem Menschen ausgeprägt sind, wird über standardisierte Fragebögen abgefragt. Im Boom der Selbsthilfebücher der letzten Jahrzehnte wurden sie immer wieder in Wie-erkenne-ich-mich-selbst-Theorien verflochten, mal mehr mal weniger wissenschaftlich.

Eher unbekannt sind die beiden weiteren Messmethoden, die ich mir für meine Arbeit ausgesucht hatte. Zum einen die Regulatory Emotional Self-Efficacy kurz (RESE) von Caprara und Gerbino (2002), welche darauf ausgelegt ist, den Umgang mit den eigenen Emotionen zu klassifizieren. Wie geht ein Mensch mit positiven Emotionen, wie Freude, Begeisterung und Stolz um und wie mit negativen Emotionen wie Verzweiflung oder Wut. Zum anderen eine Methode, mit dem schönen Namen Dunkle Triade, die Narzissmus (Selbstverliebtheit), Machiavellismus (Manipulation anderer zum eigenen Vorteil) und Psychopathie (Fehlende Empathie) misst. Diese wurde 2002 von Paulhus und Williams vorgestellt und wird gerne bei Eignungstests für Manager verwendet, da anscheinend narzisstische, manipulative Psychopathen die größten Chancen in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem zugesprochen bekommen. Wer hätte es nach der Bankenkrise für möglich gehalten?

Diese Persönlichkeitsmodelle verwob ich nun mit Fragen zur Nutzung von Sozialen Medien zu einem Fragebogen. Über die so erhobenen Daten konnte ich über verschiedene statistische Methoden eine Verbindung zwischen Persönlichkeit und Nutzung von Sozialen Medien herstellen.

Im Einklang mit mehreren älteren Studien zeigt auch meine Studie, dass ein Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit eines Menschen und seinem Verhalten in Sozialen Medien besteht, beispielsweise:

  • Wer narzisstisch veranlagt ist, hat im Schnitt mehr Freunde auf Sozialen Medien
  • Wer eine offene Person ist, nutzt häufiger Soziale Medien
  • Wer gewissenhaft ist, verteilt weniger Likes auf Sozialen Medien
  • Wer seine positiven Emotionen gut ausdrücken kann, informiert sich häufiger in Sozialen Medien über das Weltgeschehen, benutzt dafür aber wesentlich weniger verschiedene Seiten als andere
  • Wer gut mit Frustration umgehen kann, vergibt weniger Likes auf Sozialen Medien

Schildkröten

Diese Ergebnisse reicherte ich mit weiteren externen Forschungsergebnissen an und fütterte nun ein eigens geschriebenes Simulationsprogramm, welches auf der sogenannten Multi-Agenten-Programmiersprache NetLogo basiert. Diese Sprache ist darauf spezialisiert, eine beliebige Anzahl Bots (im Fachjargon: Agenten) in einem System miteinander interagieren zu lassen.

Schon 1963 entwickelte ein Informatikerteam um den KI-Pionier Wally Feurzeig die Ursprungsform von NetLogo, Logo, um Jugendliche spielerisch an die Informatik heranzuführen. Die Jugendlichen konnten über eine Programmierschnittstelle analoge Roboter durch ihr Klassenzimmer steuern. Da diese Roboter durch die wenig subtile Technik der 60er einen enormen Buckel hatten, nannte man sie Turtles (= Schildkröten). Und auch heute noch steuert man in NetLogo keine Agenten, sondern spricht einzelne Turtles an und bittet sie – ja, so pädagogisch wertvoll kann Informatik sein – eine Anfrage auszuführen (ask turtle 1 [etc. pp.]).

Ausschnitt aus der Simulation: Rote Icons zeigen Agenten an, die die Nachricht nicht weiterschicken. Grüne schicken die Nachricht weiter und schwarze haben sie noch nicht erhalten. Das abgebildete Netz zeigt ein Netz mit 1000 Turtles.

Netzwerke

Die Grundidee der Simulation war es, den Fluss von Nachrichten innerhalb eines Sozialen Netzwerkes anhand verschiedener Persönlichkeitsfaktoren der Nutzer darzustellen. Dazu stattet die Simulation eine beliebige Anzahl Turtles mit den gesammelten Nutzerdaten des Fragebogens aus und ließ sie sich zu einem sozialen Netzwerk verbinden.

Jede Turtle bekam somit eine Persönlichkeit zugeschrieben und wenn diese Persönlichkeit das Verschicken von Nachrichten im Netzwerk – nach den Ergebnissen des Fragebogens – begünstigte, funkte auch die Turtle im simulierten Netzwerk besonders häufig seine Schildkröten-Kollegen an. Zudem wurde die Simulation in zwei Durchgängen durchgeführt. Im ersten Durchgang wurden die Daten 1:1 übernommen und so der Umgang mit normalen Nachrichten dargestellt. Durch die Ergebnisse einer groß angelegten Studie von Vosoughi et al. (2018) war es im zweiten Durchgang möglich, eine Simulation mit Fake News durchzuführen. Die Studie hatte ergeben, dass Fake News eine 70% höhere Chance haben, von Nutzern weiterverbreitet zu werden. Dieser Prozentsatz lag dem zweiten Durchgang der Simulation zugrunde und sorgte für eine stärkere Verbreitung der Nachrichten im Netzwerk.

Die Simulation zeigt, dass ab einer bestimmten Größe des Netzwerkes (>1000 Turtles) eine so hohe Vernetzung erreicht ist, dass trotz einer hohen Anzahl an Agenten (33%), die eine (nicht-gefakte) Nachricht für sich behalten, fast 92% des Netzwerks von der Nachricht erreicht werden. Dies kann auch eine Fake-News nur noch um sechs Prozentpunkte steigern. Auf die reale Welt bezogen hieße das, dass durch den Zugang der durchschnittlich circa 100 bis 500 Freunde auf Sozialen Netzwerken zwangsläufig eine bestimmte Nachricht über irgendwen in den persönlichen Nachrichtenkreislauf eindringt. Eine Feststellung, die sicherlich zum Empfinden von vielen von uns Social-Media-Nutzern passt: Jeder kennt diese eine Person mit dem unheilvollen Hang zu niedlichen Bildchen und/oder AfD-Polemik.

Fazit

Das anfangs aufgeworfene Szenario, dass Social-Media-Firmen aufgrund der gesammelten Nutzerdaten zusätzliche Informationen über die Persönlichkeit ihrer Kunden generieren können, lässt sich durch meine Ergebnisse teilweise widerlegen. Zwar gibt es durchaus Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsfaktoren und Nutzung von Sozialen Medien, allerdings sind die Überschneidungen auf wenige, wenn auch zum Teil starke Korrelationen mit den vorgestellten Persönlichkeitsausprägungen beschränkt. Trotzdem wäre es zum Beispiel für eine Firma wie Facebook möglich, einem Nutzer mit vielen Online-Freunden eine auf Narzissten zugeschnittene Werbung zu zeigen. Oder auf der anderen Seite für ihre wenig aktiven Nutzer Inhalte und Angebote zu schaffen, die auf gewissenhafte Persönlichkeiten zugeschnitten sind.

Zum anderen zeigt die Simulation einen Umstand, der in der realen Onlinewelt durchaus als relevant zu betrachten ist: Eine hohe Vernetzung führt fast zwangsläufig dazu, dass der Nutzer einem Großteil der viralen Nachrichten – wenigstens theoretisch – ausgesetzt ist. Zwar bleiben noch genügend Wege, dies von Nutzerseite nicht zu bemerken, trotzdem besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, ungewünschte Nachrichten zu sehen, selbst wenn ein Großteil der Online-Freunde diese Nachricht gesehen, aber nicht weitergeschickt hat. Bei speziell dafür ausgerichteten Fake-News, die zusätzlich sogar noch via Botnetzen in Umlauf gebracht werden, erhöht sich diese Chance weiter. Auch dafür zeigt die Simulation einen logischen Ausweg an, der aber dem Nutzerverhalten der meisten von uns widerspricht: Das eigene Netzwerk sollte klein gehalten werden. Je weniger Personen das eigene Online-Umfeld bestimmen und je genauer diese Personen ausgewählt sind, desto geringer ist die Chance, ungewünschten Nachrichten zu begegnen. An dieser Stelle muss aber natürlich beachtet werden, dass dieses Auswahlverfahren zu einer selbstgeschaffenen Filterblase führen kann, die im Bestfall in einfacher Langeweile resultiert, im schlimmsten Fall aber extremes Gedankengut fördern und zu einer Abschottung von anderen Denkweisen führen kann. Am besten ist also wie immer der Weg durch die goldene Mitte: Aufgeschlossen sein, aber aufmerksam bleiben, und im Zweifel Nachrichten auch einfach mal nicht weiterleiten.

Nico Lindstädt machte im Dezember 2018 seinen Master in Digitaler Medienkommunikation, am Lehrstuhl für Communication Science. Durch seine Arbeit mit dem Titel „Die Auswirkung von Persönlichkeitsmerkmalen auf Polarisierung – Eine agentenbasierte Simulation von Meinungsbildung in sozialen Medien“ nimmt er nun nicht mehr jede Freundschaftsanfrage an.

Nico Lindstädt

26, studiert Digitale Medienkommunikation und Technik-Kommunikation Werkstofftechnik im Master, fotografiert seit seinem 5. Lebensjahr, interessiert sich für Politik, Geschichte und Kunst.