Scharnow

Ausgabe 166 Apr. 18, 2019

von Jana Hermans und Chrisi Siller


Geht ein Mann zum Arzt, ausgestattet mit der geliehenen Versichertenkarte eines Strippers – dies könnte zwar der Anfang eines weniger einfallsreichen Arzt-Witzes sein, ist in dem Fall jedoch ein „Ärzte“-Witz. Dieser Mann ist nur einer der unzähligen Protagonisten, welche der Ärzte-Schlagzeuger und nun auch Bestseller-Autor Bela B Felsenheimer in seinem ebenso absurden wie amüsanten Debütroman Scharnow zum Leben erweckt.

In Scharnow, einem fiktiven und sonst eher langweiligen Dorf nördlich von Berlin, ist einiges los: Eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern macht Jagd auf Haustiere, eine Wohngemeinschaft überfällt in Vollrausch und im Adamskostüm den einzigen Supermarkt und ein fliegender Mann legt Teile der Stadt in Trümmer. Das Figurenrepertoire des Romans ist so vielfältig, dass dem ersten Kapitel ein mehrseitiges Personenregister voran gestellt ist, welches mehr oder minder bedeutsame Informationen über die Bewohner jener Stadt liefert, in welcher Vorstadttristesse und blanker Wahnsinn Tür an Tür hausen.

Die schiere Figuren- und Handlungsvielfalt des Romans würde wohl so manchen Hobbyblogger und Literaturkritiker zurückschrecken lassen, was vielleicht sogar im Sinne des Buches ist. Der Protagonist des ersten Kapitels, ein Literaturkritiker, welcher allerdings wesentlich weniger Begeisterung für Bücher aufbringt als für seine Pornosammlung, wird unversehens zur Mahlzeit seines neuesten Rezensionsexemplars. Diese Kritik am Literaturbetrieb gibt auch gleichzeitig den Ton für den weiteren Verlauf des Romans an. Dieser nimmt zusehends an Absurdität zu und schreckt auch vor keiner Thematik zurück - im Gegenteil.

Auf Odyssee kreuz und quer durch die Genres

Mit Absicht scheint die Erzählung jedes erdenkliche Genre mit einbeziehen zu wollen und spart dabei nicht an intertextuellen Bezügen, Explosionen und Körperflüssigkeiten. Dem Leser wird einiges geboten: von einer waschechte Liebesgeschichte, Superhelden und homosexuellen Eichhörnchen bis hin zu Science Fiction und Horror-Elementen inklusive bizarrer Szenen, wie man sie auch in einem Film von David Lynch erwarten würde, ist alles dabei.

In einigen Passagen greift Bela B wohl bewusst auf das Mittel der plakativen Überzeichnung zurück und kreiert auf diese Weise ein unterhaltsames, anarchistisch-absurdes Spektakel. Neben den humoristischen, bizarren und düsteren Elementen klingen jedoch durchaus auch ernsthaftere, gesellschaftskritische Töne an. Auf die bereits vertraut gewordene Portion Ironie muss man jedoch auch an dieser Stelle meist nicht verzichten. So täuschen Eltern eine Sympathie für rechtsextremes Gedankengut vor, um das eigene Kind, in pubertierender Rebellion, zur Opposition zu bewegen. Hinsichtlich der Gestaltung einiger Figuren fällt auf, dass manche ihrer Wesenszüge wohl auf stereotypen Annahmen beruhen. Ein waffenvernarrter Verschwörungstheoretiker, ein Manga-Mädchen in den Wirren der Pubertät – die Gedanken hin- und hergerissen zwischen Teenagerliebe und Smartphone – sie scheinen ihren Ursprung in wenig progressivem Schubladendenken zu haben. Doch dieser erste Eindruck täuscht: Nicht selten werden die Protagonisten von ihren eigenen Vorurteilen geblendet und angesichts der offensichtlichen wie bewussten Überzeichnung wird das Klischee zur Karikatur seiner selbst.

Es ist wohl angebracht, Scharnow als einen in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Roman zu bezeichnen. Auf inhaltlicher Ebene kreieren Realsatire, Exzess und Wahnwitz ein Gesamtbild, in dem Unterhaltung und Unsinn verschmelzen. Darin liegt auch der Charme der Erzählweise: Bela B entwirft keine Welt, er überzeichnet, ja karikiert sie und bricht dabei mit sämtlichen Konventionen des Genres. Gerade wegen seiner Unkonventionalität ist der Roman mehr als lesenswert und hat definitiv einen Platz im Regal verdient.

Martin Schmitz

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Studiert TK-Informatik und ist seit 2013 bei der Kármán. Schreibt gern über Serien, Spiele, Bücher.