Rezension: Super, und dir?

Rezension Juli 12, 2019

Im Zeitalter der Social Media-Netzwerke kommt man leicht in die Versuchung, sich für das Internet eine Persönlichkeit zuzulegen, die man vielleicht gerne wäre, aber nicht ist. So würde ich Marlene Beckmann, die 31 Jahre alte Protagonistin aus "Super, und dir?" (von Kathrin Weßling, dieses Jahr als Taschenbuch bei Ullstein erschienen) beschreiben. Auf Facebook tut sie so, als würde es ihr "super" gehen. Auch im wahren Leben lässt es sich nicht anmerken, dass es ihr im Grunde total scheiße geht. Sie hat zwar einen tollen Job, doch der Druck ist einfach zu groß. Bereits während des Studiums greift sie zu Drogen, die nun ihr weiteres Leben begleiten. Selbst ihrem langjährigen Freund spielt sie vor, alles sei "super".

Kathrin Weßling nimmt in ihrem Buch kein Blatt vor dem Mund. Sie beschreibt Marlene Beckmann auf so erschreckend ehrliche Weise, dass ich mich in die Geschichte hineingesogen gefühlt habe. Dabei spielt auch die Trennung der Eltern, der anschließende Alkoholismus der Mutter, um die sie sich als 16jährige kümmern muss, und eine Abtreibung mit Anfang 20 eine wichtige Rolle im Leben der jungen Hauptperson. Immer wieder redet sie sich ein, dass sie kein Problem hat, ihr Leben unter Kontrolle ist und auch der Arzt, den sie aufsucht, scheint sich wegen des selbstzerstörenden Drogenkonsums keine Gedanken zu machen.

Sie hat ein Fake Empire aufgebaut, wie Marlene es nennt. Ihr Leben besteht aus Lügen, Unwahrheiten, die sie ihrem Freund, ihrer Familie auftischt – bis es zusammenstürzt.

Als jemand, der noch nie Drogen konsumiert hat – jedenfalls keine illegalen, schließlich ist auch Alkohol eine Droge – und es niemals tun würde, kann ich nicht nachvollziehen, wieso sich überhaupt jemand das alles antut. "Super, und dir?" hat mir allerdings gezeigt, wie man dort hineinrutschen kann. Auch durch die sehr persönliche Erzählweise konnte ich mich in Marlene hineinversetzen, konnte miterleben, wie es ist, wie sie zu sein. Es ist kein Schmöker-Roman, keine Strandlektüre. Das Buch ist einfach nur die harte Wahrheit. So kennt man es von Kathrin Weßling. Sie sagt, was sie denkt. Das macht sich nicht nur in ihren Romanen deutlich. Auch im Internet präsentiert sie sich so, auch wenn das bei den einen oder anderen nicht gut ankommt.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt, heißt es doch so schön. Das Leben ist nicht immer so, wie es die Scheinwelt auf Instagram zeigt.


Buchinfo

Erscheinungsdatum (Taschenbuch): 2. Mai 2019

Ullstein Fünf

10,00€

ISBN: 9783548060217

Verena Grouls

30+, studiert Sprach- und Kommunikationswissenschaft, liest bevorzugt auf Englisch, fotografiert gerne und veröffentlicht irgendwann einen Roman.