Nachschlag gefällig? Rezension zu "Seconds"

Rezension Nov. 05, 2019

Katie geht es ziemlich gut. Mit Ende 20 hat sie bereits ein eigenes, erfolgreiches Restaurant eröffnet und ist gerade dabei, sich ein zweites aufzubauen. Bis an einem Abend alles gleichzeitig den Bach runtergeht. Zum Glück findet Katie einen mysteriösen Pilz inklusive Anleitung:

  1. Write your mistake
  2. Ingest one mushroom
  3. Go to sleep
  4. Wake anew

Doch das Spiel mit dem Schicksal ist noch nie gut ausgegangen, und auch in diesem Graphic Novel ist die Freude über die von Zauberhand gelösten Probleme nur von kurzer Dauer.

Wer kennt es nicht?

In Seconds von Bryan Lee O’Malley, dem Autor der bekannten “Scott Pilgrim”-Reihe, fühlen sich Mittzwanziger direkt zuhause. Ich konnte mich mit den Charakteren identifizieren, die ihre kleinen und großen Probleme so gerne von Zauberhand verschwunden gesehen hätten. Und wohl jeder kennt das Gefühl, dass verdrängte Probleme irgendwann mit doppelter Wucht zurückkommen.

Der Zeichenstil O’Malleys trägt sein übriges dazu bei, dass diese Graphic Novel einen regelrechten Sog erzeugt, der es einem schwer macht, das Buch wegzulegen. Die Panels sind wunderschön lebendig gezeichnet (und coloriert!), es gibt kleine Details und Witze am Bildrand. Katie in ihrer Verzweiflung, alles richtig zu machen und endlich erwachsen zu werden ist ein wunderbar nahbarer Charakter. Gerade, weil sie eine richtig gute Köchin ist und weiß, wo sie hin will. Es ist viel weniger Teenage Angst, dass das Leben chaotisch und ziellos erscheint, sondern eher Angst davor, dass die eigenen Wünsche und Träume doch nicht so in Erfüllung gehen wie man es sich erhofft. Das unterscheidet Seconds von interaktiven Geschichten wie Life is Strange, das zwar eine ähnliche Zeitreise-Thematik hat, in dem aber die High School-Schülerin Max im Mittelpunkt steht, die sich nicht sicher ist, was sie vom Leben erwarten soll.

Ein Foto, das eine Seite aus "Seconds" zeigt
Ausschnitt aus "Seconds": Katie trifft ihren Ex wieder.

Katie dagegen läuft ihrem Ex über den Weg, hat Stress im Job und muss sich um ihre eigene Wohnung kümmern – solche und ähnliche Probleme kennen wohl fast alle Studis.

Kleine Portion Grusel

Die Geschichte wird gegen Ende hin ganz schön düster. Auf den über 300 Seiten verfolgen wir Katie also nicht nur dabei, wie sie ihr Restaurant eröffnet, sondern bekommen es auch noch mit Hausgeistern und Hexen zu tun. Und mittendrin die junge Frau, die einfach nur ihr Leben leben möchte. Natürlich wird das Buch nicht zum Horror-Schocker, aber es behandelt Themen, die für junge Menschen stets ein wenig Angsteinflößend sind: die Konsequenzen des eigenen Handelns, die Machtlosigkeit gegenüber Schicksalsschlägen, das Übernehmen von Verantwortung, wenn man Mist gebaut hat. Katie wächst im Verlauf des Buchs, und als Leser wächst man gleich mit. Self Help-Buch mit bunten Bildern, sozusagen.

Martin Schmitz

Studiert TK-Informatik und ist seit 2013 bei der Kármán. Schreibt gern über Serien, Spiele, Bücher.