Männer, die im Kreis fahren

Rezension Dez. 10, 2019

Kann man einen Film über Autos und Motorsport in Zeiten des Klimawandels und Fridays For Future noch gut finden? Man kann, denn Le Mans 66 ist auch abseits der Rennstrecke grandios geworden.

Mit „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“ rekonstruiert der Regisseur James Mangold die Rivalität zwischen Ford und Ferrari in den 1960 Jahren. Dabei folgen wir den Geschicken der Rennfahrer und Mechaniker Ken Miles und Carroll Shelby. Zusammen versuchen sie das altehrwürdige 24h-Rennen von Le Mans für Ford gegen das damals technologisch überlegende Ferrari zu gewinnen. Was sich auf den ersten Blick nach einem klassischen Underdog-Movie oder nach einem typischen amerikanischen Heldenepos anhört, entpuppt sich sehr schnell als melancholische und wirklichkeitsgetreue Filmbiografie über Miles.

Ähnlich wie in Mangolds vorherigen Werk „Logan“ liegt der Fokus des Filmes auf dem Protagonisten und nicht auf dem übergreifenden Setting. Und wieder gibt dieser Ansatz dem Schauspielern den Freiraum, um den Film durch Charakterdarstellung zu tragen. Christian Bale, der die Rolle des Ken Miles spielt, schafft es in Le Mans 66 Joaquin Phoenix' Impression des letzten Jokers in Sachen Method-Acting noch zu übertreffen. Dabei verkörpert Bale den kauzigen, aber immer herzensguten Mechaniker derart glaubwürdig und überzeugend, dass man Autos und Motorsport als Kernelement auch hätte weglassen können. Es hätte gereicht, Bale 160 Minuten lang bei der Schauspielerei zu zugucken. Leider bleibt dabei die zweite Hauptrolle des Carroll Shelby, die mit Matt Damon ähnlich groß besetzt ist, ein wenig im Schatten.

Zwar mag dies so klingen, als wäre die Handlung reine Nebensache, aber tatsächlich wurde mit dem Konkurrenzkampf von Ford gegen Ferrari ein wirklich interessantes Thema gefunden. Es macht Laune die Verwicklungen der beiden Mechaniker in die höchsten Konzernkreise mitzuverfolgen. Le Mans 66 ist einer dieser Filme, bei denen man nach dem Kinogang noch mal Wikipedia öffnet und die genauen Gegebenheiten recherchiert. Dramaturgisch lässt sich natürlich der Höhepunkt im namensgebenden Rennen finden. Dieses findet im Film zu einem Zeitpunkt statt, bei der der Zuschauer aber bereits so viel Charakterentwicklung und Handlung mitbekommen hat, dass das eigentliche Rennen eben nur eine kleine Facette von Le Mans 66 darstellt.

Nun stellt sich bei dem Motorsport generell die Frage, was daran interessant ist, einen Haufen Männer dabei zu beobachten, wie sie endlos im Kreis fahren. Die Antwort liefert Le Mans 66 durch die Inszenierung der Rennen, selbst in langsamsten Szenen auf der Rennstrecke. Stakkato-gleich springt die Kamera von dem Gesicht des Fahrers über die Hand am Schaltknüppel hin zu den Füßen auf den Pedalen, um dann in der nächsten Einstellung zu den glühenden Bremsen und qualmenden Reifen des Autos in einer scharfen Kurve zu wechseln. Es sind die Vorgänge im Auto, welche Gefühle der Spannung und der Gefahr erzeugen, die man in dieser Art selten in einen Kinofilm erlebt. Und während im Scheinwerferlicht der Inszenierung die Autos und das Renngeschehen durch deren Haptik überzeugen, sind es auch insgesamt die Kulisse und Kostüme im Hintergrund, die als ein absolutes stimmungsgebendes Highlight den Film abrunden.

Am Ende ist Le Mans 66 ein Film über Autos und Motorsport für Menschen, die weder Interesse an Autos noch an Rennsport haben. Der Film schafft es seine 160 Minuten Laufzeit, gefühlt auf die Rundenbestzeit von Le Mans herunter zu brechen. Ein absolutes Highlight im Kinojahr 2019.