16. Januar 2019

Luftfische

Rezension zu Anke Velmekes erstem Roman

von Lara Kleyker


Lene ist 13, ihr Vater zwischen unterhaltsamem Ohrenwackler und prügelndem Dachdecker. Sie entzieht sich immer mehr seinem Einfluss, Vater und Tochter leben aneinander vorbei. Dennoch handelt es sich nicht um einen Coming-of-Age-Roman, der die innere Entwicklung oder die psychische Resilienz eines jungen Mädchens im Angesicht eines prekären familiären Umfeldes thematisiert, sondern eher um ein Puzzle. Und an diesem Puzzle versucht nicht die Inhaltsebene, sondern vor allem die experimentierfreudige Sprache zu begeistern.

Ein preisgekrönter Debütroman, 19 Jahre später erneut ausgegraben. Wie liest sich ein Roman, der weder einem gängigen linearen Erzählschema folgt, noch versucht, dem Leser sprachlich etwas zu schenken, in Zeiten von formularischen Bestsellern und einer gefühlten Flut von Young-Adult Literatur? „Luftfische“ ist eindeutig anders, versucht, wahrnehmbar anders zu sein. Das Nebeneinander-Her-Leben wird zu einem zentralen Thema, nachdem Lene sich als einzige gegen den prügelnden Vater, der nur als „der Mann“ bekannt ist, wehrt und fortan von der Gewalt geschont und mit Gleichgültigkeit belohnt wird. Ihre beiden Brüder treffen die Fäuste nach wie vor und ihre Mutter gibt die altbekannte Rolle der in Nikotin- und Alkoholsucht abgedrifteten Hausfrau, die es dem Mann zwar Recht macht, aber sich auch im Angesicht seiner späteren Affären dazu durchringen muss, Eifersucht zu empfinden, nachdem die Empfindung schon seit langer Zeit zwischen spießigen Sonntagsspaziergängen, Fernsehen und Prügel abgestorben ist.

Aus Lenes Sicht geschrieben, ergibt sich eine kaleidoskopartige Perspektive auf das unangehme Zusammenleben, das Aneinander-Vorbei-Drücken auf dem Flur, die widerwillige Rudelgemeinschaft mit dem Mann, der Frau und beizeiten auch der Mannmutter, dem Mannvater, der Familie von ehemaligen und jetzigen Dachdeckern. Velmeke konstruiert eher eine bestimmte, kaum greifbare Atmosphäre als eine Situationsanalyse, psychologisierende Wertungen fehlen nämlich. Was bleibt, sind Eindrücke einer Kindheit zwischen Entfremdung und genauer Beobachtung.

Sie hob Blick und Bein zum Himmel

Der Versuch, sich über unkonventionelle sprachliche Bilder abzuheben, begegnet nicht zuletzt in der Entindividualiserung der Charaktere, spätestens bei der „Mannmutter“ schwebt die Autorität Elfriede Jelineks unverkennbar im Raum. Fast wie eine Hommage an den eigenwilligen, spröden Stil diverser Nachkriegsautorinnen, Bachmann und Jelinek zuerst genannt, muten Bilder wie „Die Frau lächelte, und es schmerzte kaum. Nach der Tagesschau nagelte sie die Pizza an die Küchenwand“, an. Ins Auge fällt auf sprachlicher Ebene, neben dem assoziativen, hypotaktischen Schreibstil, der mit siebenzeiligen Sätzen erfreuen kann, auch das Zeugma als favorisiertes Stilmittel.

Bei einem Zeugma wird, grob gesagt, ein zwei Satzteilen zugeordnetes Verb an nur einer Stelle gesetzt, eine Unterart dürfte dem ein oder anderen aus alten Kalauern wie „Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen“ bekannt sein. Velmeke nutzt den ursprünglich humoristischen Effekt, ähnlich wie Jelinek, zur Darstellung von Resignation, Verzweiflung und Groteskem, in einer Art 'Szenen eine Ehe'-Panorama: „Dann bekam sie Kinder und er die Firma“. Einer der seltenen Momente, in dem eine Erklärung für das widersinnige Verhalten der Vaterfigur vorgelegt wird, entspringt aus der Begründung der Mutter, warum der Mann zur „Prügelmaschine“ wird: „alles war dabei, Hitlerjugend, Nachkriegszeit, schwacher Vater, Internat“. Der restliche Familienkosmos bleibt ohne Erklärung stehen, aber einem Puzzle mit mitgelieferter Erklärung fehlt schließlich auch die Herausforderung. „Luftfische“ ist wahrscheinlich kein Roman, den man nebenbei aus Spaß an der Freude liest, aber wer unkonventionelle Sprache sucht wird hier fündig und ein wenig Elfriede Jelinek wird gratis mitgeliefert, wenn auch nicht in dem Maße ausgebaut wie es 20 Jahre nach ihren „Liebhaberinnen“ vielleicht möglich gewesen wäre.