"Joker": Ein Meisterwerk mit Fehlern (spoilerfrei)

Rezension Okt. 29, 2019

Donnerstagabend, das Kino 1 im Cineplex Aachen ist bis auf die untersten Reihen ausverkauft. In den Reihen wird getuschelt, ob der Neue so gut sein wird wie der mit Heath Ledger. Doch trotz ausverkaufter Plätze bleibt es während der Vorstellung gespenstisch ruhig. Der Joker fesselt die Menschen.

In der neuesten Iteration des Batman-Antagonisten verkörpert Joaquin Phoenix die Rolle des manisch lachenden Clowns. Kennt man andere Filme von Joaquin Phoenix, weiß man, um welches Kaliber von Schauspieler es sich handelt. In “Joker” steht er seinem Ruf in nichts nach. Immer wieder überzeugt der Schauspieler mit Mimik und Körperartikulation, hart an der Grenze zum Overacting. Die Rolle des Jokers wird überzeugend und großartig dargeboten. Es ist nicht verwunderlich, dass es bereits Spekulationen um eine mögliche Oskarnominierung gibt.

Selbiges gilt für die Inszenierung. Die Bilder des heruntergekommenen Gotham City sind stark an das dreckige New York der 70er angelehnt. Insbesondere die Fahrten mit der S-Bahn zeigen das schaurig-schöne Panorama einer Stadt, dessen Gestank man im Kinosaal förmlich schmecken kann. Mit “Joker” schafft es Todd Philips, eine unheimlich glaubwürdige und stimmungstechnisch dichte Kulisse zu inszenieren, für einen Regisseur eher humoristischer Filme (beispielsweise der Hangover-Trilogie) ist dies überraschend.

Wir hier unten, gegen die da oben: Batman vs. Joker als aufgesetzter Klassenkampf

Anders als die Vorgängerfilme rollt die aktuelle Verfilmung den Ursprung des Jokers auf. Und hier beginnen die Probleme. Anderthalb Stunden ergründet der Film die psychischen Abgründe von Arthur Fleck, so der bürgerliche Name des Jokers. Dabei wird keine Station ausgelassen, um zu zeigen, wie schlecht Arthur von der Gesellschaft behandelt wird. Allerdings hat man das Konzept „der Joker als Produkt seiner Umwelt“ bereits nach 20 Minuten verstanden. Hinzu kommt, dass Arthur sich absolut erratisch verhält. Dies passt zwar zum Joker, sein Handeln ist deswegen aber wenig nachvollziehbar. So kommt Empathie nur in den seltensten Fällen auf, Sympathie nie. Der Plottwist, welcher zur endgültigen Verwandlung von Arthur Fleck zum Joker beiträgt, ist auch für Kinofilmlaien direkt zu Beginn vorhersehbar. Erst danach kommt, durch einige durchaus atmosphärisch unangenehmen Szenen, so etwas wie Stimmung auf.

Im Hintergrund der Psychoanlayse des Jokers entspinnt sich in Gotham City ein klassischer Klassenkampf, arm gegen reich. Man erfährt, dass die Bewohner Gothams unzufrieden sind, genauere Hintergründe werden jedoch nicht erläutert. Natürlich nimmt man wage die Armut und Verwahrlosung der Stadt wahr, dies reicht jedoch nicht aus, um den massiven Aufruhr gegen Ende des Filmes zu erklären. All jenes wird in die DC Lizenz verpackt, denn eher zufällig entwickelt sich der Joker zum Symbol des Wiederstandes der Bewohner Gothams gegen die Bourgeoisie. Der schwerreiche Thomas Wayne, Vater von Batman Bruce Wayne, gibt sich dagegen als arroganter Milliardär und möchte als möglicher Bürgermeister mit Law and Order dagegenhalten. Die Prämisse des Jokers, als Vertreter des kleinen Mannes und die Familie Wayne, als Symbolbild der abgehobenen Elite, mag zwar interessant wirken, ohne Hintergrundinformationen bleibt es aber bei stumpfer Gesellschaftskritik und die Kontrahenten verkommen zu bloßem Beiwerk.

Unterm Strich ist der Film nichts Halbes und nichts Ganzes. Was bleibt, ist ein handwerklich grandios gemachter Film, der aber die Superheldenlizenz nicht wirklich nutzt und als Gesellschaftskritik durchfällt. Sollte dies jedoch der Auftakt zu einer wirklich düsternde Superheldenreihe werden, wäre das weit abseits aller Hochglanz-Blockbuster der letzten Jahre und die Fehler ein Stück weit verzeihbar.