7. Mai 2019

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

Rezension von Jana Revedins Debütroman

Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

Mit sechsundzwanzig Jahren lernt Ise Frank den vierzehn Jahre älteren Rebellenarchitekten Walter Gropius kennen. Gropius, der gegenwärtig durch das 100-jährige Jubiläum seines Bauhaus-Konzepts wieder in aller Munde ist, hielt am 28. Mai 1923 einen Vortrag in der Technischen Hochschule Hannover, zu dem sich auch Ise Frank von einer Architektenfreundin überreden hat lassen. Für die aus einer jüdischen Familie stammende Ise, in München als Buchhändlerin und Rezensentin tätig, eine Begegnung, die ihr weiteres Leben prägen soll. Ise Frank wird heutzutage, wenn überhaupt, nur als Anhang zu Walter Gropius genannt. Zwar war sie Gropius‘ zweite Frau, dass sie jedoch viel mehr, und maßgeblich an der Umsetzung der Bauhaus-Idee beteiligt war, beleuchtet Jana Revedin in ihrem ersten Roman.

Jana Revedin, bekannt als Verfasserin von Standardwerken der Architekturtheorie, hat es sich in ihrem ersten Roman zur Aufgabe gemacht, einer vermeintlichen Nebenfigur im Bauhaus-Betrieb, Ise Frank, eine Stimme zu geben. Daraus entwickelte sich ein biografischer Roman, der es nicht nur schafft, die Idee Bauhaus auch für Architekturlaien zugänglich zu machen, sondern der eine Geschichte vom Leben, von seinen Höhen und Tiefen und seiner Unvorhersehbarkeit erzählt. Das Besondere am Roman ist vor allem, dass Revedin keineswegs versucht, eine Frauenfigur nachträglich in die Geschichte hineinzuzwingen – sie arbeitet mit Quellen, welche die Wichtigkeit von Ise Frank im Bauhaus-Prozess belegen und den bewundernswerten Charakter einer Geschäftsfrau während der Nazizeit hervorheben.

Es war, als schüttelte sich ein regennasser Laubbaum durch die Fenster herein!

Während der Roman die Geschichte der Bauhaus-Idee verfolgt – vom ersten Tiefschlag über die ersten Erfolge zum nächsten Tiefschlag – schwingt zwischen den Zeilen eine sich anbahnende menschliche Nähe mit, die durch sprachliche Affinität zum Ausdruck gebracht wird. Obwohl der Roman anfänglich einer Liebesgeschichte gleicht, steht die Geschäftsbeziehung zwischen Gropius und Ise immer im Vordergrund. Auch andere zwischenmenschliche Beziehungen, wie die Freundschaft zwischen Ise und Irene Hecht, werden malerisch dargestellt, ohne jedoch kitschig zu wirken. Revedin schafft es, die chronologische Abfolge von Ereignissen so in Worte zu packen, dass beim Lesen weder das Gefühl von Langeweile noch von Übersättigung auftritt – es wird weder zu viel noch zu wenig preisgegeben. Neben architektonischen Veränderungen in den Zwanzigern wird auch die politische Situation nicht außer Betracht gelassen, die mitunter eine große Rolle im anfänglichen Misserfolg der Bauhaus-Idee spielt. Auch hier schafft es die Autorin, mit bedachten Worten auszudrücken, wie machtlos die Protagonisten gegenüber dem politischen Drucks waren.

Ich brauche Sie, Ise

Um Gropius‘ Idee vom Bauhaus zu unterstützen, gibt Ise Frank ihr Leben in München auf und widmet sich der Finanzierung und Vermarktung des Projekts. Tatsächlich schafft sie es, mithilfe ihrer Freundin Gussie und deren Mann Konrad Adenauer ein Angebot der Stadt Köln einzuholen, das die weitere Zukunft des Projekts sichern soll. Durch Ises Engagement und ihrer Präsenz wurde sie, und das teilte sie Gropius in einem Brief mit, von jedem Frau Bauhaus genannt. Trotz der anfänglichen Erfolge hatte Ise, die es sich zur Mission gemacht hat, Gropius‘ Idee zu verwirklichen, mit Rückschlägen zu kämpfen. Diese waren sowohl politischer, finanzieller als auch privater Natur. Auch in dieser Hinsicht ist es der Autorin gelungen, alle Aspekte des Lebens einzufangen und in Worte zu fassen – ihre Figuren sind weder einseitig, noch idealistisch dargestellt, was den biografischen Faktor des Romans im Positiven unterstreicht. Abgerundet wird dieses durchaus gelungene Werk durch zahlreiche Abbildungen, die die Geschichte des Bauhauses grafisch darstellen.