7. Mai 2019

Im Westen nichts Neues?

"Der Westen" feiert Premiere im Mörgens

Im Westen nichts Neues?

Jonah Quast, Marco Wohlwend und Ognjen Koldzic (v.l.n.r.) rekreieren den Machtkampf zwischen Amerika und Nordkorea. (Foto: Ludwig Koerfer)

„Give me your tired, your poor, / your huddled masses yearning to breathe free, / the wretched refuse of your teeming shore.“, sagt die Freiheitsstatue zu Beginn des Stücks und zitiert mit Emma Lazarus‘ „The new Colossus“ das Bild einer mütterlichen Beschützerin, die mit offenen Armen all die empfängt, die ihres eigenen Glückes Schmied werden wollen. Es sei denn, es handelt sich um Geflüchtete, die dem Krieg in ihren Heimatländern entgehen wollen. Oder mexikanische Staatsbürger, die sich ein besseres Leben und Freiheit auf der anderen Seite der Mauer versprechen. Mit abwechselndem Pathos und trivialer Alltagssprache nimmt Lady Liberty die vorgeschobenen Ideale des amerikazentrierten Wertekonstrukts der westlichen Freiheit auseinander und bereitet den roten Faden des Abends vor: eine historische Chronologie des Scheiterns von ideologischen Ansprüchen, dargestellt in einer rasanten Montage aus historischen Gegebenheiten und Popkultur mit systemkritischen Untertönen.

Von der Kolonialisierung zum Kapitalismus

Es beginnt bereits mit Kolumbus, der den kastilischen Herrschern Isabel I und Ferdinand II die Amerikaexpansion andreht wie ein aufgeputschter Teilnehmer bei „Die Höhle der Löwen“ und die dafür notwendige Sklaverei mit einem schnittigen „Underperformer müssen sanktioniert werden“ abkanzelt. Mit einem lakonischen „Super Pitch, hat uns voll abgeholt“ ist das Fundament für tausend Jahre Kapitalismus gelegt. Mit minimalistischem Bühnenbild, großartiger musikalischer Untermalung von Malcolm Kemp und vollem Körpereinsatz der Darsteller, arbeitet sich das Stück durch die Geschichte, Lucky Luke wird zum Kritiker der Waffenlobby und schließt sich der Freiheitsstatue in ihrem Hinweis auf die Brüchigkeit der westlichen Gesellschaft an. Was nützt es einem, schneller als sein eigener Schatten schießen zu können, wenn jede x-beliebige Hausfrau aus Detroit bis an die Zähne bewaffnet und von der Waffenlobby verängstigt vor die Tür tritt, bereit, das Recht auf Waffenbesitz zu verteidigen und in der Befürchtung, sich eines Tages selbst vor der Staatsmacht schützen zu müssen? Lucky Luke klingt bedrückt als er in den Raum fragt: „Wissen Sie, warum man mich Lucky nennt? Weil ich noch lebe.“

Von der Identitätskrise zur Entfremdung

Mit Super Mario tritt der nächste desillusionierende Kindheitsheld auf den Plan und präsentiert Japan als schizophrenes Resultat eines selbstauferlegten Anpassungszwangs an den globalen Mainstream. Mario fühlt sich nämlich gar nicht so super, als er feststellt, dass er nur vorwärts und springen kann, immer nur vorwärts und springen, Geld sammeln und Pilze essen, „denn die Pilze helfen mir, mich für einen Moment stark und mutig zu fühlen.“ Konsumzwang und chronische Überarbeitung lassen grüßen, spätestens wenn man den Geburtstag seines Kindes verpasst, weil man wieder einmal Überstunden schiebt, um den Leasingvertrag zu finanzieren. Von der haarscharfen Verhinderung des Dritten Weltkriegs durch einen sowjetischen Offizier 1983 bis hin zum erbarmungslosen Twitter-Duell zwischen Donald Trump und Kim Jong-un, in dem der US-Präsident das Oberhaupt einer Atomwaffennation als „short and fat“ bezeichnet, sind verschiedenste Situationen montiert die eines ganz deutlich zeigen: den drohenden Zerfall des fragilen Bündnisses westlicher Industrienationen. „Der Westen“ schneidet diverse Verfehlungen unseres gefährdeten Bündnisses an und bietet einen kritischen Querschnitt, wem der Kontrast aus großer Gestik und energetischer Popkultur zusagt, findet hier einen diksussionswürdigen Gesellschaftskommentar.