8. August 2019

„Hilfe, ich bin erwachsen!“

Was hinter der ominösen „Quarter-Life-Crisis“ steckt und was man dagegen tun kann

Lange herrschte in der Gesellschaft die Meinung vor, dass eine richtige Lebenskrise erst mit dem ersten grauen Haar beginne - dann also, wenn man merkt, dass man älter wird, die Zeit einem davonrennt und man doch eigentlich noch so viel erleben wollte. „Mid-Life-Crisis“ wurde diese Erscheinung genannt und meist wurden Männer in den 40ern damit assoziiert.

Heutzutage weiß man es aber besser, nicht nur Männer Ü40 fragen sich, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollen und ob sie alles richtig gemacht haben, sondern auch viel Studierende und junge Menschen im Alter zwischen 21 und 29 Jahren. Die amerikanischen Autorinnen Abby Wilner und Alexandra Robbins prägten für diesen Gefühlszustand – in Anlehnung an den „älteren Bruder mit dem grauen Haar“ -den Begriff der „Quarter-Life-Crisis“, der mittlerweile weltweit Verbreitung gefunden hat.

Was ist das denn jetzt schon wieder?

Unter jener Bezeichnung versteht man grundsätzlich und lapidar gesagt die Erkenntnis „Sch****, ich bin erwachsen, der Ernst des Lebens hat angefangen.“ Diesen Gedanken haben vor allem Studierende gegen Ende ihres Studiums, wenn sie also aus den geregelten Bahnen der Gesellschaft in ihr eigenes Leben entlassen werden: Erst Kindergarten, dann Grundschule, weiterführende Schule, danach Uni und jetzt? – Jetzt muss man selbst entscheiden, wo es für einen hingeht und das ist zugegebenermaßen echt nicht immer leicht.

Gerade in heutiger Zeit hat ein junger Mensch in Deutschland so viele berufliche und auch private Möglichkeiten, die ihm offenstehen. Als „homo optionis“ im 21. Jahrhundert ist man theoretisch frei in seinen (beruflichen) Entscheidungen, aber gleichzeitig steht man unter einem hohen Erfolgsdruck, der sich in Ängsten, Unsicherheiten und einem großen Durcheinander von Hoffnungen und Befürchtungen widerspiegelt.

Zusätzlich zu den eigenen Maßstäben und Ansprüchen, die man an sich selbst stellt, kommt dann auch noch die Tatsache hinzu, dass man auf Instagram und Co. gefühlt jedem Tag dem personifizierten Erfolg begegnet. Außerdem sind da auch noch die Eltern, die sich für ihren Sohnemann oder ihr kleine Prinzessin einen sicheren Job mit geregeltem Einkommen wünschen und die Oma, die einen bei jeder Familienfeier fragt, wann man denn endlich heiratet und ihr die herbeigesehnten Enkel schenkt. Dass das keine einfache Situation ist, ist - glaube ich - jedem mittlerweile klar. Und dass so viele konkurrierende Erwartungen einen in jene ominöse Quarter-Life-Crisis stürzen können, sollte auch nachvollziehbar sein. Tatsächlich durchleben sogar über die Hälfte aller Deutschen eine solche Lebensphase, satte 67% haben angegeben, in jungen Jahren auch mit solchen Zukunftsängsten und Selbstzweifeln konfrontiert gewesen zu sein.

Und was kann ich dagegen tun?

Um eine Quarter-Life-Crisis möglichst entspannt zu überstehen, sollte man sich zunächst eigentlich direkt mal vom „Krisen“- Begriff distanzieren und eine solche Lebensphase eher als groß angelegten Reflexionsprozess sehen, in dem es einem möglich ist, sich besser kennenzulernen und sich zu fragen, was man wirklich im Leben will. Dabei ist es wichtig, sich nicht zu sehr an anderen zu orientieren, sondern eigene Ziele zu finden. Das bedeutet nicht, dass man sich keine Inspiration suchen darf, sondern nur, dass man im Hinterkopf behalten sollte, dass man im Endeffekt seinen eigenen Weg finden muss.

Ein kleiner, persönlicher Reminder von mir an dieser Stelle: Beruflicher Erfolg ist nicht immer persönliche Erfüllung, ein pralles Bankkonto nicht immer ein Garant fürs Glücklichsein und ein Eigenheim nicht immer das perfekte Zuhause.

Das ist doch jetzt nicht alles?

Neben dem Reflektieren über die eigenen (beruflichen) Wünsche und Träume für die Zukunft kann man jene chaotische Lebensphase auch etwas praktischer angehen – z. B. mit einem Praktikum. Gerade, wenn man noch nicht ganz so genau weiß, was man mit dem Wisch von der Hochschule und dem Titel „Bachelor“ bzw. „Master of Irgendwas“ anfangen soll, hilft es, mal in einem möglichen Job reinzuschnuppern. Ein Praktikum zu machen, sorgt u. a. dafür, dass man sich selbst und auch seine Fähigkeiten und Talente näher kennenlernt und so einfacher seinen Traumjob findet. Am Ende jener Zeit als Praktikant kommt man dann zu dem Fazit „Hell yeah“ oder „Hell no“, wobei beides vollkommen ok ist, denn sich Irren und Scheitern ist hier ausdrücklich erlaubt. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut!

Und sonst so?

Wer weder Lust auf Praktikum oder Selbstfindung in den eigenen vier Wänden hat, der kann auch immer noch für ein paar Monate oder ein Semester ins Ausland gehen (das hat jetzt übrigens eine Freundin von mir vor). Work and Travel oder Explore and Chill – mach worauf du Lust hast und was dein Geldbeutel hergibt. Die Erfahrungen mit dem Fremden, die neuen Eindrücke und das Treffen von inspirierenden Menschen kann nämlich ebenfalls dabei helfen, herauszufinden, was man im Leben will.

Mein persönlicher Lieblingstipp?

Reden. Reden hilft. Gerade mit Leuten, die genauso empfinden oder – noch besser! - mit welchen, die schon mal so empfunden haben, aber mittlerweile einen Schritt weiter sind. Mir z. B. reicht es schon manchmal, einfach jemandem von meinen Problemen und Sorgen zu erzählen. Ganz oft merke ich dabei dann bereits, dass alles eigentlich gar nicht so schlimm ist oder nur mal wieder eine Mücke ein Elefanten-Kostüm trägt. Außerdem kann auch die Meinung eines Außenstehenden den eigenen Blickwinkel auf den Tatbestand verändern und manche Dinge somit auch relativieren. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!

Also schämt euch nicht für eure Ängste und Sorgen, nehmt nicht alles so ernst und sorgt dafür, dass ihr vom ganzen Grübeln keine grauen Haare bekommt, denn dann droht direkt die nächste Krise!

Der Beitrag hat dir nicht weitergeholfen und du hast schon alles ausprobiert? – Dann hilft dir vielleicht die psychologische Beratung der Zentralen Studienberatung. Schau doch einfach mal vorbei: http://www.rwth-aachen.de/cms/root/Studium/~hzvj/Beratung-Hilfe/