Geburtstagsfeier im kleinen Kreis

RWTH Dez. 12, 2019

von Alexander Heit

Die Vorbereitungen für den 150. Geburtstag der RWTH laufen auf Hochtouren. Im Windschatten des Jubiläums feiert mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) schon jetzt ein bedeutendes Gremium seinen einhundertsten Geburtstag. Doch was ist der AStA eigentlich und was hat er in den letzten hundert Jahren getan? Ein Rückblick auf die bewegte Geschichte des Ausschusses.

Es gibt wohl kaum einen Studierenden, der die „Mensa Academica“ nicht kennt. Weitaus wenigere verirren sich hingegen in jene Büros, die nur eine Doppeltür entfernt liegen. Es sind die Räume des Allgemeinen Studierendenausschusses, kurz AStA. Auf dem Tresen am Empfang stapeln sich Flyer und Broschüren mit Informationen rund ums studentische Leben, bunte Poster zieren die Wände und künden von den nächsten Events: Beratungsangebote, Poetry Slams, Jazzabende. Immer scheint etwas los zu sein, es wird geredet von Beschlüssen, Sitzungen und Veranstaltungen.

Doch mit Hochschulpolitik wollen die meisten der rund 45.000 Studierenden der RWTH nichts zu tun haben, die Beteiligung an den Wahlen der Studierendenvertretung dümpelt seit Jahren weit unter der 20%-Marke. Dabei ist der AStA, der über einen Zwischenschritt vom sogenannten Studierendenparlament (SP) gewählt wird, nicht weniger als die Interessenvertretung aller Studierenden. Als solche hat er weitreichende Kompetenzen und fungiert quasi als Regierung der Studierendenschaft – Macht- und Geldmittel inklusive. Nicht immer ging er damit verantwortungsbewusst um, wie der Blick auf seine Vergangenheit zeigt.

Von der Front in die Hochschule

Am Anfang der Geschichte des AStA stand das Ende des Ersten Weltkrieges. Nach der Niederlage Deutschlands kehrten tausende deutsche Studenten von der Front zurück – zermürbt, versehrt, desillusioniert. Die Abdankung des Kaisers, Wilhelm II., riss ein tiefes Loch in das Selbstbewusstsein der Studierendenschaft, die stets als besonders kaisertreu gegolten hatte. Über Nacht war das Kaiserreich zur Republik geworden, die Menschen aber waren dieselben geblieben. Wohin also sollte es gehen? Da waren konservative Studierende, die sich verbissen gegen den Versailler Vertrag zur Wehr setzten und sogar die Wiedereinsetzung des Kaisers forderten. Auf der anderen Seite standen linksorientierte Studierende, die die Geburt der Republik euphorisch begrüßten und die Errichtung freier Volksuniversitäten vorantrieben. Neben den beiden konkurrierenden Lagern gab es schließlich eine große Gruppe aus heimgekehrten Kriegsstudenten, die – weitgehend unbeeindruckt von den konkurrierenden Ideologien – einen sachlichen Beitrag zum Wiederaufbau leisten wollte. Im Frühjahr 1919 gründeten sie an allen deutschen Universitäten Allgemeine Studentenausschüsse, kurz ASten. Zwar hatte es schon Jahrzehnte zuvor sogenannte Verbindungsausschüsse gegeben, doch sollten die ASten auch althergebrachte Gegensätze innerhalb der Studierendenschaft überbrücken – nicht zuletzt die zwischen Verbindungs- und Freistudierenden. Erstmals in der deutschen Geschichte konnten Studierende über eine direkte Wahl über ihre Vertretung entscheiden, Zwangsbeiträge sicherten dem neuen Gremium praktische Handlungsspielräume.

Gemeinsam gegen die Not

Solche Gestaltungsmöglichkeiten waren bitter nötig. Nach Kriegsende strömten nicht nur die Heimkehrer, sondern in Zuge der Emanzipation vermehrt auch Studentinnen an die Hochschulen. Die Zahl der Studierenden schwoll innerhalb weniger Jahre massiv an, das Angebot an akademischem Nachwuchs überstieg die Nachfrage bald um das Zwei- bis Dreifache. Die Überfüllung der Hochschulen führte zu einer Verelendung der Studierenden: Hatten schon vor Beginn des Ersten Weltkrieges viele ihr Studium nur mit Mühe finanziert, so befanden sie sich jetzt in einer existenzbedrohenden Lage.

Die neugeschaffenen ASten reagierten mit der Einrichtung von Wohnungsämtern, Kantinen und weiteren Hilfsangeboten. In Aachen packten auch weitere Hochschulangehörige tatkräftig an, um die Not der Studierenden zu lindern: So gründeten Studierende und Professoren den Verein „Studentenwohl“, aus dem später das Studierendenwerk hervorgehen sollte. Mit Unterstützung des Roten Kreuzes und weiteren Förderern, etwa den „Freunden der Aachener Hochschule“ (FAHO), wurde die erste Mensa der damaligen TH eröffnet – die übrigens schon damals den Namen „Mensa Academica“ trug. Anfangs noch in einer Turnhalle untergebracht, zog sie 1927 in ein eigens errichtetes Studentenhaus um, das zu den ersten in Deutschland zählte. Neben einem Speisesaal bot das Studentenhaus zusätzliche Appartements und Lernräume und half so, die Lage der Aachener Studierenden zu entschärfen.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten

Die gemeinsamen Anstrengungen der Nachkriegszeit konnten jedoch nicht die Spannungen verbergen, die sich innerhalb der Studierendenschaft anstauten. Kurz nach ihrer Gründung hatten sich die ASten in der sogenannten „Deutschen Studentenschaft“ zusammengeschlossen, die als Dachverband das Vertretungsrecht für alle deutschen Studierenden beanspruchte. Grundsätze, Ziele und Vorgehensweisen blieben jedoch umstritten. Das galt insbesondere für die Frage, ob jüdische Studierende zur Deutschen Studentenschaft gehören sollten oder nicht. Derartige Kontroversen gab es dabei keineswegs erst in der Weimarer Zeit: Antisemitismus war schon zur Jahrtausendwende weit in der Studierendenschaft verbreitet, die Niederlage des Ersten Weltkrieges schürte die vielerorts vorhandenen Vorurteile. Infolge erbitterter Kämpfe in der Deutschen Studentenschaft zerbrach der Zusammenhalt der ASten, woraufhin das Kultusministerium dem Verband die Legitimation entzog. Studierende und Staat, die sich schon zuvor skeptisch gegenübergestanden hatten, waren nun vollends entzweit.

In dieser angeheizten Stimmung sahen nationalsozialistisch gesinnte Studierende ihre Stunde gekommen. 1926 gründeten sie in München den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, kurz NSDStB, der sich wie ein Lauffeuer an den Hochschulen verbreitete und große Erfolge bei den AStA-Wahlen einfuhr. In Aachen hatte es der Studentenbund indes schwerer: Nicht nur, dass der erste Ableger des NSDStB bis 1929 auf sich warten ließ, er löste sich aufgrund geringer Erfolge auch bis 1930 wieder auf.

Bei diesem Intermezzo sollte es jedoch nicht bleiben. Noch im selben Jahr starteten nationalsozialistische Studierende einen zweiten Versuch und erweckten den Aachener NSDStB zu neuem Leben. Durch mehrere Kurswechsel gelang es ihnen, bis zur Machtübernahme Hitlers achtzig Studierende für den Studentenbund zu gewinnen – damals rund zehn Prozent der noch kleinen TH. Die wachsende Zustimmung für den NSDStB schlug sich auch bei den AStA-Wahlen nieder, aus denen die Nationalsozialisten zunehmend gestärkt hervorgingen. Nur die katholischen Verbindungen, die sich ebenfalls zur Wahl stellten, erzielten über die gesamte Weimarer Zeit hinweg mehr Stimmen.

Licht und Schatten

Das Ringen um die Vorherrschaft im AStA gipfelte in einem deutschlandweit wohl einmaligen Vorgang. In Zuge der Gleichschaltung forderte der Kreisleiter des NSDStB die AStA-Vorsitzenden – zwei katholische Verbindungsstudenten – dazu auf, entweder der NSDAP beizutreten oder ihr Amt niederzulegen. Als sich die beiden weigerten, drohte ihnen der Kreisleiter mit einer „zwangsmäßigen Abberufung“ und „unliebsamen Folgerungen“, wie es später in einer offiziellen Erklärung heißen sollte – eine unverhohlene Drohung. Erst jetzt gaben die Vorsitzenden ihren Widerstand auf. Ihr Rücktritt machte den Weg frei für eine Studentenführung nach nationalsozialistischem Vorbild, die den bisherigen AStA für acht Jahre ersetzen sollte.

Derart entschieden hatte sich der Aachener AStA nicht immer den Nationalsozialisten entgegengestellt. Im Gegenteil: Nur einen Monat zuvor schickte der zu diesem Zeitpunkt noch katholisch geführte AStA ein Denunziationsschreiben an den Reichserziehungsminister Bernhard Rust. Aus „tiefer Sorge um die Reinigung unseres akademischen Lebens“ verunglimpfte er Professoren und Assistenten, die angesichts „ihrer Freundschaft zum russischen Bolschewismus“ unverzüglich zu verschwinden hätten. Als eine Reaktion Rusts ausblieb, setze der AStA mit einem Telegramm und einem zweiten Schreiben nach. All dies geschah deutlich vor den offiziellen, reichsweiten Aktionen der Deutschen Studentenschaft und markierte den Auftakt zum dunkelsten Kapitel der AStA-Geschichte, das in der Vertreibung und Verfolgung zahlreicher Hochschulangehöriger mündete.

Die Nachkriegszeit zwischen Aufbruch und Reaktion

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen die ASten ihre Arbeit wieder auf und versuchten, sich vom Erbe der NS-Zeit zu trennen. Besonders deutlich wurde dieser Bruch während der Jahre um 1968, die bis heute untrennbar mit studentischem Protest und Aktionismus verbunden sind. In Demonstrationen und Kundgebungen entlud sich der Frust der Studierenden über eine unbewältigte Vergangenheit, eine von anhaltenden Konflikten geprägte Gegenwart und eine ungewisse Zukunft. In all dem spielten die ASten eine zentrale Rolle – in der BRD wie auch in Aachen. Mit Quoten von über sechzig Prozent Wahlbeteiligung stützte sich die Arbeit des AStA auf eine breite Mehrheit der Studierendenschaft.

Der Wettstreit um die begehrten Sitze im Ausschuss trieb dabei mitunter sonderbare Blüten. Um den amtierenden AStA in Verruf zu bringen, druckten einige Vertreterinnen und Vertreter der Opposition provokante Flugschriften, die sie in das wohlbekannte Layout des AStA hüllten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Nur wenige Tage nach einer Anzeige durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Oppositionellen und stieß dabei auf Druckerpressen, die sie umgehend beschlagnahmten. Ein Rückschlag für die Opposition, keineswegs aber das Ende des Schlagabtauschs zwischen progressiven und reaktionären Studierenden, der in wechselnden Koalitionen noch bis weit in die siebziger Jahre anhielt.

Derweil verstand es der AStA auch in den achtziger Jahren, mit aufsehenerregenden Aktionen von sich reden zu machen – so etwa in einer Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftsministerium des Landes NRW. 1988 forderte er in Reaktion auf die Erhöhung des Studierendenbeitrages um 10,- DM dazu auf, nur den bisherigen Beitrag zu bezahlen und den Rest auf ein Sperrkonto zu überweisen; erst nach einem Richterspruch sollte über die weitere Verwendung entschieden werden. Während es an den meisten anderen Hochschulen in NRW ruhig blieb, beteiligte sich in Aachen rund die Hälfte der 36.000 Studierenden an der Aktion. Die Hochschulleitung ließ den AStA gewähren – sehr zum Verdruss des Wissenschaftsministeriums, das Zustände „wie im Wilden Westen“ beklagte. Zwar blieb die Klage vor dem Verwaltungsgericht erfolglos. Die gewünschte politische Wirkung hatte der Ausschuss aber zweifelsfrei erzielt: „Ganz NRW war ruhig geblieben, nur eine große, bedeutende Hochschule leistete unbeugsamen Widerstand“, verkündete die Allgemeine StudentInnenzeitung, das Organ des AStA.

Der AStA heute – ein Auslaufmodell?

Derartige Aktionen sind heute meist vergessen. Der AStA, einhundert Jahre alt, ist ruhiger geworden. Ist die Institution von damals etwa sprachlos geworden? Keineswegs, denn auch heute noch hat die Stimme des AStA bedeutendes Gewicht – auch, wenn Machtworte wie in den 68ern seltener geworden sind. Noch immer setzt er sich gegenüber Land und Hochschule für die Interessen seiner Studierenden ein, sei es bei den Verhandlungen um das Semesterticket, den Öffnungszeiten der Mensen oder der Erhöhung des BAFöG. Auch in individuellen Angelegenheiten steht er den Betroffenen in allen Instanzen zur Seite. Und schließlich gibt es da noch das kulturelle, politische und soziale Programm, mit dem der AStA das Studium um wichtige Facetten ergänzt. Die Zukunft wird zeigen, wie es mit dem AStA an der RWTH weitergeht.

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