Fremdgegangen: Klimatologie

Fremdgegangen Nov. 23, 2019

Ozonschicht, Tagesthemen und Wetterbericht.

Was tut man, wenn der eigene Studiengang einem nicht mehr die Befriedigung verschafft wie einst? Wenn man den Hörsaal nur noch aus Pflichtgefühl betritt und das Seminar mit gleichgültig-lustloser Miene verlässt? Wenn die Bücher nicht mehr wie verheißungsvolle Abenteuer locken, sondern plötzlich nur noch Haufen bedrucktes Papier darstellen, tote Wälder, die, wären sie nicht abgeholzt worden, unser Klima hätten retten können. Und dann steht da sie Vorlesung Klimatologie. So real, so aktuell, Wissenschaft zum Anfassen!

Ja, auch ich habe es getan. Ich bin meinem Studiengang fremdgegangen. Ich habe mich in eine fachfremde Vorlesung gesetzt. Zuvor bin ich nur zweimal im Audimax gewesen, denn als Studentin der Literatur- und Sprachwissenschaft verbringe ich meine Zeit hauptsächlich in der Germanistik, diesem kleinen Anhängsel des Kármán-Auditoriums, das eine Sanierung anscheinend weniger nötig hat als der Rest des Gebäudes – auch wenn in der Toilette seit einigen Monaten das Waschbecken auf dem Boden liegt. Doch dieser Montag sollte anders sein. Noch mit Umberto Ecos Der Name der Rose in der Tasche schlich ich mich nachmittags in den grünen Hörsaal. Ich nahm in einer der hinteren Reihen platz und wartete gespannt, was ich hier erleben würde. Klimatologie. Was kann man sich darunter vorstellen? Würde ich hier die Wahrheit über den Klimawandel erfahren? Würde der Hörsaal sich mit Gretas füllen? Oder gar mit Männern, von denen es an der RWTH ja angeblich überdurchschnittlich viele gibt, nur nicht in der Germanistik?

Als ich mich umsah habe ich nirgendwo ein „Skolstrejk för Klimatet“-Schild entdecken können, aber wer zur Vorlesung geht streikt in dem Moment ja auch nicht. Auch das Geschlechterverhältnis war erstaunlich ausgeglichen, der angebliche Männerüberschuss bleibt für mich also weiterhin ein Rätsel. Nach einem kurzen Kampf mit der richtigen Lichteinstellung begann der Professor mit der Vorlesung, und einen kurzen Moment dachte ich, ich hätte aus Versehen zum Ende vorgespult. Auf der Leinwand war eine Wetterkarte zu sehen und der Professor erzählte was über das Wetter der vergangenen und der kommenden Tage. Gehörte das noch zur Vorlesung? Normalerweise kommt der Wetterbericht doch ans Ende der Tagesschau! Außer mir schien sich aber niemand zu wundern. Wir befinden uns im Einfluss eines Tiefdruckgebietes, eine Kaltfront versorgt uns mit Niederschlägen, eine Wirbelfront vom Nordatlantik zieht Richtung Osten. Alles klar. Ein feuchter November ist gut nach dem trockenen Sommer, in Belgien hat es geschneit. Wir melden uns wieder mit den Tagesthemen um 22:15 Uhr und wünschen Ihnen noch einen schönen Abend. Achso, nein, das war etwas anderes. Weiter geht es nämlich nicht mit dem Tatort oder einer Reportage über die Deutsche Bahn, sondern mit aktuellen Infos über das Ozonloch! Das ist nämlich so klein wie zuletzt vor 30 Jahren und schließt sich ziemlich schnell. Die Nachrichten kommen hier also nach dem Wetterbericht. Allerdings werden die News mit interessanten Informationen ergänzt, zum Beispiel, dass die schnelle Schließung des Ozonlochs mit den hohen Temperaturen in der Stratosphäre zusammenhänge und die Ozonschicht sich trotzdem nur langsam erhole. Die Energie bleibe in der Troposphäre und eigentlich kühle sich die Stratosphäre ab. Oder so ähnlich. Ab hier komme ich nicht mehr so ganz mit. Die Grafiken und Diagramme erinnern mich stark an den Erdkundeunterricht in meiner Schulzeit, ein Fach, das ich leider nach der zehnten Klasse abgewählt habe. Trotzdem kommen auch immer wieder Themen auf, die eigentlich sehr interessant sind. So wird zum Beispiel eine Grafik aus dem IPCC-Report zum Treibhauseffekt gezeigt. Dann kommen noch ein bisschen Chemie- oder Physikunterricht dazu, als es um Wärmeleitung geht. Der Professor hat sogar Schaumstoff und einen Metallstab mitgebracht, die er herumgibt, um die Wärmekapazität und Wärmeleitung verschiedener Materialien zu veranschaulichen.

Nach diesem One-Vorlesung-Stand verlasse ich den Hörsaal mit gemischten Gefühlen. Es war durchaus eine interessante Erfahrung, und auch wenn mir viel Hintergrundwissen für diese Themen fehlte, habe ich doch auch einiges gelernt. Trotzdem wird das wohl eine einmalige Sache bleiben, denn Potenzial für eine Beziehung sehe ich mit der Klimatologie nicht. Wir sind einfach zu unterschiedlich.