Fremdgegangen: Elektrotechnik

Dez. 01, 2019

„Mitschreiben nicht nötig, die Vorlesung wird aufgezeichnet“, ich bin erstaunt. So einen Service haben wir in der Germanistik schon mal nicht. Mein Tag spielt sich sonst auch nicht in so einem modernen Gebäude der RWTH ab, abgesehen von einem Ausflug ins C.A.R.L. für ein Seminar einmal pro Woche. Ich studiere nämlich Literatur- und Sprachwissenschaften, so wie man es klassischerweise von einer Kármán-Redakteurin erwarten würde. Neben Literatur aus den zwei vergangenen Jahrhunderten dreht sich dieses Semester in meinem Studium viel um das Mittelalter: Übersetzungsübungen mittelhochdeutsch – neuhochdeutsch, Gewalt im Nibelungenlied sowie die Aufdeckung von Mythen rund um die Hexenverfolgung stehen auf meinem Stundenplan. Das klingt abwechslungsreich, oder? Und dennoch verspüre ich den Wunsch nach etwas handfestem, einem Fach, das ein wenig mehr im hier und jetzt angekommen ist.

Was darf's sein?

Zwei große Studiengänge der RWTH kommen mir da sofort in den Sinn. Morgens um 8:00 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Professor-Pirlet-Straße, da findet in einem ziemlich modernen Gebäude die Drittsemester Vorlesung „Elektrotechnik“ statt. Hier stutze ich. Im Vergleich zum hinteren Teil des Kármáns, der eher dunkel und beengt ist und in dem wir aktuell den Großteil unserer Veranstaltungen haben ist dieses Gebäude hell, freundlich und mit einer besseren Lüftung ausgestattet. Im Hörsaal angekommen, zähle ich die Studierenden, die langsam eintrudeln. Es sind vielleicht 30 und damit weit weniger, als ich erwartet habe. Der Professor beginnt mit einem „Was bisher geschah“, einer recht ausführlichen Zusammenfassung der Ergebnisse der letzten Woche. Ich bin ein wenig entmutigt, denke mir aber, dass ich bei dem heutigen Thema mehr Chancen habe, mitzukommen. Begriffe wie „diskrete Faltung“ und „Abtastwerte“ fallen. Gut, diese Vokabeln habe ich nie gelernt, kein Wunder, dass ich das nicht verstehe. Dann werden Formeln über Formeln an die Wand geworfen, ich entdecke alte Bekannte wie die Eulersche Zahl, Sinus und Cosinus – ein kurzes Aufblitzen der Erinnerung – nein, das verstehe ich trotzdem nicht und als auch noch Pi ins Spiel kommt, verschließt sich mir diese Sprache komplett.

Wenigstens einer hat Spaß

Der Professor ist währenddessen nicht zu stoppen, er erklärt fleißig, zeichnet Graphen an den Rand seiner Folien und fügt bunte Markierungen ein. Er blüht in seinem Thema auf, stellt Fragen, die er dann selbst beantwortet und ist wirklich begeistert bei der Sache. Ich merke aber schnell: Sämtliche mathematische Themen, bei denen ich schon in der Schulzeit an meine Grenzen gestoßen bin, werden hier vorausgesetzt und erweitert. „Ach, das heute, das sind Grundlagen, die eigentlich noch recht einfach sind“, erklärt mir mein Sitznachbar gelassen. Ich bedanke mich und auch wenn dieser Ausflug in ein anderes Fachgebiet wirklich interessant war, freue mich auf meine nächste Übersetzungsübung von Mittelhochdeutsch ins Neuhochdeutsche.

Egal, was ihr studiert: wenn ihr Lust habt, Artikel für die Kármán zu schreiben, könnt ihr euch bei mitmachen@karman-ac.de melden.

Foto: https://www.flickr.com/photos/hochschulradioaachen/8070000502