Eine Nacht bei der Nightline

Aachen Nov. 15, 2019

Hinter den Kulissen des Zuhörtelefons von Studierenden für Studierende

von Alexander Heit

Nicht immer läuft es rund im Uni-Alltag: Prüfungen, Beziehungskrisen und Streitereien im Freundeskreis entwickeln sich schnell zur Belastungsprobe. Oftmals hilft schon, über das Erlebte und die eigenen Gefühle zu sprechen. Wenn gerade niemand zur Stelle ist, lohnt der Anruf bei der Nightline, die seit einigen Jahren als Zuhörtelefon für Studierende der Aachener Hochschulen zur Verfügung steht. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen der Hotline und berichten, wie zwei Mitglieder der Nightline ihre Schicht erleben.*

Hinter den Fenstern des Verwaltungsgebäudes ist es dunkel. „So spät ist hier in der Regel niemand mehr“, erklärt Mark, der im 2. Mastersemester an der RWTH studiert. Mark ist als sogenannter Zuhörer bei der Nightline aktiv, ein Jahr vertrat er den Verein im Vorstand. Der Ort, von dem aus er und die anderen Zuhörer die Gespräche führen, ist ein gut gehütetes Geheimnis – neben den Vereinsmitgliedern weiß lediglich die Hausverwaltung, wo die Anrufe der Nightline eingehen. Gesprochen wird über alles, was Studierende gerade bewegt. Häufig sind das Probleme, die sich die Anruferinnen und Anrufer von der Seele reden wollen, doch auch besonders positive Dinge werden mit den Nightlinerinnen und Nightlinern geteilt. „Wir sind ein Zuhörtelefon für alle Bereiche“, sagt Mark, „kein reines Problemtelefon.“

Die Idee zur Nightline stammt aus England, wo die ersten Vereine vor fast fünfzig Jahren gegründet wurden und sich schnell verbreiteten. Seit 1994 gibt es Nightlines in Deutschland, seit 2012 auch in Aachen. Hauptzweck ist es, den Anruferinnen und Anrufern ein offenes Ohr zu schenken für all jene Themen, über die sie sprechen möchten. Gleichzeitig fungiert die Nightline jedoch auch als Informationstelefon in studentischen Fragen und vermittelt an Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in ganz Aachen.

20:42 Uhr

Durch eine Glastür erreicht Mark das Foyer des Gebäudes, in dem er von Laura erwartet wird. Laura, die bald ihre Bachelorarbeit an der FH schreibt, ist eines von rund zehn neuen Mitgliedern, die die Nightline seit Semesteranfang verstärken. Die Zahl der Aktiven hat sich seit einiger Zeit bei etwa 25 eingependelt; sie alle studieren an einer der Aachener Hochschulen oder haben gerade ihr Studium beendet. Neben regelmäßigen internen Trainings nimmt jeder von ihnen an einer einführenden Schulung teil, in der die Nightlinerinnen und Nightliner auf die Gespräche vorbereitet werden – so auch Laura, die ihre Schulung erst kürzlich abgeschlossen hat. Die Schichten sind grundsätzlich doppelt besetzt, manchmal sind auch drei Mitglieder vor Ort. Bislang gibt es nur eine Leitung, über die die Nightline erreicht werden kann. Das soll sich aber bald ändern: „In naher Zukunft wollen wir zwei Leitungen gleichzeitig betreuen“, sagt Laura.

Gemeinsam mit Mark betritt sie das Büro in der ersten Etage. Durch das Doppelfenster rechts fällt gedämpftes Licht von der Straße und beleuchtet den Schreibtisch inmitten des Raums. In der Ecke steht ein Kaffeetisch mit zwei Stühlen, in den Regalen an der Wand drängt sich eine Reihe von Büchern. „Wir nutzen den Raum nur zu unseren Sprechzeiten“, meint Laura, „tagsüber arbeiten hier andere Hochschulangehörige.“ Aus einem abschließbaren Schrank nimmt sie ein dunkelblaues Schnurtelefon, das nur den Nightlinerinnen und Nightlinern zur Verfügung steht. Das Telefon ist so programmiert, dass eingehende Rufnummern weder angezeigt noch gespeichert werden. „Es ist uns wichtig, dass Anruferinnen und Anrufer anonym bleiben können“, sagt Mark. Während Laura das Telefon anschließt, bereitet er einen Jodel vor, in dem er auf den Anfang der Sprechzeiten hinweist. „Gerade über Jodel haben wir viel positives Feedback bekommen“, berichtet Mark. „Häufig werden auch Fragen gestellt, von ‚Hey, wer seid ihr?‘ bis hin zu ‚Ist das wirklich anonym?‘. Manchmal erhalten wir auch Anfragen von Studierenden, die selbst mitmachen möchten; so kommen wir mittlerweile sogar an die meisten neuen Mitglieder.“

Um 21:00 Uhr beginnt die Schicht. Vor sich verteilen Laura und Mark einige Snacks für die kommenden drei Stunden. „Manche rufen uns direkt nach Schichtbeginn an, manchmal dauert es auch eine halbe Stunde bis zum ersten Klingeln. Es gibt auch Tage, an denen wir gar nicht angerufen werden“, sagt er. Langweilig werde es trotzdem nie. „Eigentlich gibt es immer etwas, was wir tun können. Oft unterhalten wir uns einfach untereinander und lernen uns gegenseitig besser kennen.“

Auch heute dauert es länger bis zum ersten Anruf. Laura nimmt das Gespräch an, Mark hält sich zurück. Während sie zuhört, ist es mucksmäuschenstill; nur hin und wieder stellt sie eine Verständnisfrage. Worum es im Einzelnen geht, erfährt auch Mark nicht. „Das, was uns im Vertrauen erzählt wird, bleibt vertraulich“, meint Laura nach dem Telefonat. Dennoch sei es manchmal hilfreich, jemanden zur Seite zu haben. „Je nach Thema stecken auch wir nicht alles einfach so weg. Dann tut es gut, über unsere eigenen Gefühle sprechen zu können – das ist auch der Grund, wieso wir unsere Schichten doppelt besetzen.“ Mark ergänzt: „Häufig kommt es auch vor, dass wir über das Gespräch reden: Hat unser Gegenüber mit einem positiven Gefühl aufgelegt? Hat es ihr oder ihm geholfen, mit uns zu sprechen? Das zu reflektieren ist uns wichtig.“

22:57 Uhr

Nach dem Telefonat wird die Gesprächsdauer in einer Tabelle notiert. Die Spanne reicht von wenigen Minuten bis hin zu zwei Stunden. Weitere Informationen gibt es nicht. „Es liegt immer bei den Anruferinnen und Anrufern, was sie preisgeben wollen“, sagt Mark. Die Gesprächsdauer werde lediglich für die vereinsübergreifende Nightline-Stiftung festgehalten, die die bundesweit 18 Ortsgruppen finanziell unterstützt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Nightlines sind dabei teils enorm: Eine Ortsgruppe hat beispielsweise ihr Telefonangebot eingestellt und bietet nur noch Beratungen via Chat an. Ein Konzept, das Mark und die meisten anderen Vereinsmitglieder in Aachen bislang nicht überzeugt: „Wir bevorzugen das Telefonat, weil es persönlicher ist und eine schnellere Rückmeldung erlaubt.“ Dass es auch in Aachen ein Angebot via Chat geben könnte, schließt er trotzdem nicht aus – bis es hierzu komme, werde es aber wohl noch einige Jahre dauern.

Am Ende der Schicht hat es zwei weitere Anrufe gegeben, Überraschungen waren nicht dabei. „Eine gute Nacht“, freut sich Laura. Zusammen mit Mark räumt sie das Telefon zurück in den Schrank und verlässt das Büro. Was die beiden von den Gesprächen mitnehmen? „Meistens fällt es mir leicht, das Gehörte hierzulassen“, sagt Mark. Manchmal gebe es aber auch Gespräche, die tiefer gehen. Laura nickt. Gemeinsam treten sie auf die Straße und verabschieden sich – bis zu ihrer nächsten Schicht, in der sie Studierenden in ganz Aachen ein offenes Ohr anbieten.

Redebedarf? Die Nightline ist jeden Montag und Dienstag zwischen 21:00 und 23:59 Uhr unter 0241-56520343 zu erreichen.

*Wir respektieren die Privatsphäre aller Anruferinnen und Anrufer der Nightline. Der Artikel basiert auf dem Erfahrungsbericht eines Zuhörers, wir waren also nicht vor Ort. Namen und personenbezogene Angaben wurden verfremdet.

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