12. Dezember 2018

Die Kieferninseln

Rezension zu Marion Poschmanns Roman

von Judith Peschges

Eines Morgens wacht Gilbert Silvester aus dem Alptraum auf, dass seine Frau ihn betrügt. Überstürzt verlässt er sein Zuhause und fliegt nach Japan, zunächst aus Trotz, später deshalb, weil er sich in Tokyo auf die Spuren des Haiku-Dichters Bashō begeben möchte. Er plant eine Pilgerreise zu den Kieferninseln nach Matsushima. Am Bahnsteig in Tokyo trifft er auf den Studenten Yosa Tamagotchi, der im Begriff ist, sich das Leben zu nehmen.

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher, ja, er erforscht wirklich die Wirkung von Männerbärten, ist eigentlich ein Durchschnittstyp. Als Opportunist hat er sich bisher immer den Anforderungen seines Berufs gefügt und die Aufgaben erledigt, die man ihm aufgetragen hat. Mit seiner Flucht nach Tokyo durchbricht Gilbert seinen Alltag, auch wenn Japan eigentlich gar nicht seine erste Wahl ist. Viel lieber reise er in „Kaffeeländer“, wie Italien oder Paris, womit er eine „Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit“, verbindet. Nun sieht er sich jedoch durch die Untreue seiner Frau genötigt, nach Tokyo zu reisen. Ein Graus für Gilbert. Aus reiner Unabhängigkeit, so sagt er, macht er sich dennoch auf den Weg nach Japan.

Ein suizidgefährdeter Reisebegleiter

Yosa Tamagotchi studiert Petrochemie, schreibt ganz gute Noten und will sich dennoch an einem Bahnsteig in Tokyo das Leben nehmen. Er wird zum zurückhaltenden, wortkargen Begleiter Gilberts, da er kaum des Englischen mächtig ist. Allerdings wirkt die angestrebte Pilgerreise zunächst nicht wie ein ehrlicher Versuch Gilberts, allen irdischen Dingen den Rücken zuzukehren und sich auf die Schönheit Japans einzulassen. Vielmehr ist ihm die Stadt zu grell, „die verspiegelten Scheiben schickten Lichtblitze in seine Augen, so daß er heftig blinzeln musste, blaue Sonnenbrillen über Etage und Etagen“. Erst als er sich mit Yosa im Selbstmörderwald, jap. Aokigahara befindet, wird er auf die Landschaft Japans aufmerksam.

Grün-Töne im Selbstmörderwald

„Unproblematisches Azaleengrün, positives Moosgrün, einfaches Bambusgrün.“ Erst das dunkle Grün der Kiefern begeistert Gilbert. Eine geeignete Stelle für einen Selbstmord ist der Wald seiner Meinung nach jedoch nicht. Der Bartforscher versucht dem jungen Studenten den Suizid auszureden und erfindet jedes Mal Gründe, weshalb der Ort, an dem sie sich gerade befinden, sich nicht für die Selbsttötung eignet. In solchen Momenten sammelt der Protagonist Sympathiepunkte. Ansonsten findet man Gilbert häufig eher hochnäsig durch seine Art, sich über die Stadt Tokyo und seine Einwohner zu beschweren. Nebenbei versucht er sich im Schreiben von Haikus, von denen er sehr überzeugt ist. Doch erst ein Theaterbesuch ändert Gilberts Haltung zu Japan nachhaltig und kann den missmutigen Pilger doch noch begeistern.

Was ist Traum und was ist Wirklichkeit?

Diese Frage stellt man sich besonders im letzten Teil des Romans. Einbildung und echte Erlebnisse Gilberts verschwimmen zusehends und machen es dem Leser schwer, der Handlung zu folgen. Auch oder gerade weil der philosophische Anspruch des Buches hoch ist, sollte man als Leser bereit sein, sich auf die Traumreise Gilberts einzulassen. So erfährt man einiges über die Kultur und Atmosphäre Japans in dem doch eher kurzen Roman. Still dahinfließend besticht der Roman vor allem mit einem feinen philosophischen Humor, trotz der düsteren Schauplätze wie dem Selbstmörderwald. Wer sich einen handlungsreichen Roman mit plötzlichen Wendungen wünscht, ist mit den „Kieferninseln“ allerdings nicht gut beraten. Vielmehr gehen Traum und Wahrheit ineinander über und als Leser fragt man sich schließlich, ob der Protagonist seine Pilgerreise nicht doch nur geträumt hat.