23. Mai 2019

Der Untertan

Rezension zu Heinrich Manns Roman

Der Untertan

Der Tiergarten in Berlin: Hier trifft Diederich zum ersten Mal auf den Kaiser

Wenn man im Jahr 2019 ein Buch liest, das vor Beginn des Ersten Weltkrieges fertig geschrieben und nach diesem Krieg veröffentlicht wurde; in dem blinde Obrigkeitshörigkeit, Nationalismus und fehlgeleitete Vaterlandsliebe thematisiert werden; wenn man ein solches Buch liest und sich denkt, dass einem dieses Szenario doch aus der heutigen Zeit bekannt vorkäme: da weiß man, dass einiges im Argen liegt.

Doch leider ist genau das der Fall in „Der Untertan“ von Heinrich Mann. In dem Buch geht es um Diederich Heßling, den Sohn eines Papierfabrikanten zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. Diederich ist schon von klein auf fasziniert davon, nur ein Rädchen im Großen Ganzen zu sein. Als er zum Studium nach Berlin zieht, schließt er sich einer schlagenden Verbindung an. Und als Erbe der Papierfabrik gilt seine Devise: Nach oben buckeln, nach unten treten.

Die Figur des Diederich Heßling muss wohl eine der unsympathischsten in der Literaturgeschichte sein. Sein stetiges Streben nach Anerkennung von (teilweise gesichtslosen) Autoritätsfiguren und der Obrigkeitshörigkeit dem Kaiser gegenüber ist der einzige Antrieb dieses unberechenbaren Feiglings. Diederich sieht sich selbst als Teil der schweigenden, unterdrückten Mehrheit und ist nur in der Gruppe stark – mit anderen zusammen wird dann aber auch mal einem Sozialdemokraten so lange auf den Kopf geschlagen, bis dieser nicht mehr aufsteht. Mit anderen Worten: Diederich ist der prototypische AfDler, der seine eigenen Ideale für Bequemlichkeit verrät, der seine eigenen Maßstäbe immer nur an anderen, aber nicht an sich selbst ansetzt.

Diederich würde AfD wählen

Über das Buch hinweg zeigt Diederich zwei Gemütszustände: Ergriffenheit von sich selbst, seiner Kaisertreue, seiner Obrigkeitsliebe und seinem blinden Gehorsam; und ein Gefühl des ungerecht-behandelt-Werdens, das zwischen Selbstmitleid und Jähzorn oszilliert. An keiner Stelle hält Diederich einmal inne und denkt über seine Taten nach. Niemals hinterfragt er die Motive seiner Mitstreiter, die die „natürliche Ordnung“ von Fabrikbesitzer und Arbeitern in Gefahr sehen. Diederich ist der Meister des Selbstbetrugs, immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht und dabei doch immer der Meinung, er würde der Welt etwas Großes zurückgeben. Heutzutage würde er sich wohl mit ein paar Redbull und etwas Koks mit russischen Oligarchennichten auf Ibiza treffen.

Das Schlimmste an diesem Buch ist eigentlich, dass Manns Beobachtungen so scharf sind und trotzdem scheinbar nicht genug beachtet wurden. Er sagte mit Der Untertan wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkrieges die Gefahren, die von Nationalismus und überhöhtem Patriotismus ausgehen, voraus. Der Zweite Weltkrieg hat die schlimmen Folgen eines solch unreflektierten Verhaltens noch deutlicher gezeigt. Und doch sitzen heute wieder Nazis im Bundestag und in einigen Nachbarländern sogar (noch) in der Regierung. Das Muster ist auch bei ihnen wie bei Diederich: Korruption soll bekämpft werden, doch im Wahlkampf kann man gerne mal die Hand aufhalten. Die Ehe für Alle, Steuerflucht und Ausländer werden als bekämpfenswerte Bedrohungen dargestellt – man selbst kann allerdings problemlos mit der lesbischen Lebenspartnerin und Adoptivtochter in der Schweiz wohnen und eine Geflüchtete als Haushaltshilfe anstellen.

All diese Gruselgestalten der modernen Politik wurden zu Beginn belächelt und haben es dann doch zu Macht gebracht. Und auch Diederich ist eine Witzfigur, die von niemanden ernst genommen wird und werden kann – der dennoch einigermaßen erfolgreich wird und sich an keiner Stelle kritisch mit seinem Handeln auseinandersetzen müsste.

Ein kleiner Trost ist vielleicht, dass Diederich nie wirklich glücklich wirkt. Er würde es sich zwar selbst nicht eingestehen, aber sein Leben ist sehr trost- und lieblos. Und der Gedanke an Nazis, die tagsüber im Bundestag den Diskurs vergiften und abends traurig unter ihrer Wolldecke liegen, stimmt ja auch irgendwie versöhnlich.