Alle ganz normal

Ausgabe 168 Mai 23, 2019

Der Patientenrat auf Schwester Ratcheds Station lädt zur Sitzung. (Foto: Poetischer Anfall)

Im Rahmen ihrer 33. Spielzeit zeigte die studentische Theatergruppe Poetischer Anfall in der Woche vom 11.05. bis zum 18.05. Dale Wassermans 1963 uraufgeführtes Theaterstück „Einer flog über das Kuckucksnest“. Allgemein bekannt geworden ist die auf Ken Keseys Roman basierende Geschichte über den sympathischen Aufwiegler Randle McMurphy, der in einer psychiatrischen Station eine Rebellion anzettelt, durch die gleichnamige Verfilmung mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der Poetische Anfall versuchte sich nun daran, der äußerst beliebten, aber selten aufgeführten Tragikkomödie einen eigenen Anstrich zu geben.

Wie Goethe festhält: Mit dieser Welt ist's keiner Wege richtig; Vergebens bist du brav, vergebens tüchtig, sie will uns zahm, sie will sogar uns nichtig!

Unterwürfige Selbstaufgabe oder allmähliche Zermürbung durch physische und psychische Bestrafung? Mehr Handlungsmöglichkeiten sind auf der psychiatrischen Station unter der autoritären Oberschwester Ratched nicht vorgesehen. Ihre Patienten kontrolliert sie mit eiserner Hand, stellt sie mit Medikamenten ruhig und entzieht ihnen das Recht auf Identität und Eigenständigkeit. „Gruppentherapie – jeden Tag, gleiche Zeit“ heißt es, wenn Schwester Ratched die Bewohner des Kuckucksnests um sich schart, um ihr Selbstbewusstsein systematisch zu dezimieren, bis die erwachsenen Männer zu stummen Requisiten werden. „Wir sind ihre Kinder, sie kümmert sich um uns“, heißt es. Und seinen Kindern droht man nun mal mit Elektroschocktherapie. Auf der Station, die sich als allegorische Darstellung einer menschenfeindlichen Gesellschaft, als kleiner Mikrokosmos der Draußenwelt darstellt, herrschen Eintönigkeit und Unterwerfung. Bis der aufsässig-charmante Freigeist Randle McMurphy auf den Plan tritt, um die Anstalt auf den Kopf zu stellen und seinen handlungsunfähigen Mitinsassen den Willen zur Auflehnung zurückzugeben.

One Flew East, One Flew West

Randle McMurphy verbüßt eine mehrmonatige Haftstrafe, unter anderem aufgrund von wiederholten Gewaltdelikten, als er sich entschließt, dass eine Versetzung in die Psychiatrie ihn vor dem unangenehmen Arbeitsdienst rettet. Auf der Station angekommen findet der extrovertierte, schelmische Draufgänger eine Gruppe Männer vor, die aufgegeben hat das System zu hinterfragen, welches sie täglich in ihrer Freiheit beschneidet. Der ängstliche Stotterer Billy, seinen Teddy stets im Schlepptau, der sich vor der dominierenden Präsenz seiner Mutter in die Kontrolle durch Schwester Ratched flüchtet, der unter Halluzinationen leidende Martini und sein imaginärer Freund George sowie der scheinbar taubstumme Chief Bromden sind nur einige der unterdrückten Patienten, auf die Randle während seines Aufenthalts trifft. Sein gewähltes Widerstandsmittel: Provokation. Ob es sich um das Abschließen von Wetten, das Besorgen von Zigaretten für die Mitinsassen, die Organisation einer illegalen Party oder humoristische Aufsässigkeit gegenüber Schwestern und Wärtern handelt, nach und nach schafft er es, die Machtverhältnisse außer Kraft zu setzen. Ob er aus dem Stand-off zwischen engstirniger systeminhärenter Autorität und solidarischer Auflehnung als Sieger hervorgehen kann, muss sich jedoch zeigen, denn die Unterdrücker haben ihre eigenen Methoden, um Querdenker ruhig zu stellen.

And One Flew Over the Cuckoo’s Nest

Der Gruppe junger Schauspieler gelang es bereits bei der Premiere, die Zuschauer mit ihrem enthusiastischen Spiel vor Begeisterung aus den Sitzen zu reißen. Neben minimalistischem aber durch musikalische und technische Unterstützung Aufmerksamkeit erregendem Bühnenbild, trug vor allem die brillant ausgespielte Opposition der Charaktere Schwester Ratched und dem hawaiihemdtragenden Randle zur positiven Aufnahme bei. Sowohl komische als auch betrübende und tiefsinnige Aspekte der Vorlage setzten sich zu einer sehr runden Performance zusammen, welche die Erwartungen an die nächste Spielzeit hoch ansetzen.