Aachen Containert

Containern Okt. 24, 2019

Warum Containern legalisiert werden sollte

Das Brot, das der Bäcker heute nicht verkauft hat, das Gemüse, das an der einen Seite nicht mehr ganz perfekt aussieht, der Käse, der kurz vor Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums steht – das und vieles mehr landet täglich tonnenweise im Müll. Weltweit handelt es sich dabei um 1,3 Milliarden Tonnen. Mit den Lebensmitteln, die in Westeuropa und Nordamerika jedes Jahr weggeschmissen werden, obwohl sie noch genießbar sind, könnte man die gesamte Weltbevölkerung drei Mal ernähren.

Auch in Deutschland landen jedes Jahr 18,4 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel im Müll. Dies entspricht Nahrung im Wert von circa 25 Mrd. Euro. Dies passiert, obwohl es viele Möglichkeiten gibt, überschüssige oder nicht-perfekte Lebensmittel weiterzugeben. Die Tafel, die App togoodtogo etc. sind nur einige Beispiele unter vielen. Während einige Menschen nicht wissen, wie sie am Ende des Monats ihr Essen bezahlen sollen, befinden sich gutes, genießbares Essen scheinbar unerreichbar in den Containern hinter den Supermärkten. Da liegt der Gedanke nahe, dass man die verschwendeten Lebensmittel einfach herausnimmt, um sie doch noch zu verwerten, schließlich will sie ja niemand mehr haben. Genau das ist das Prinzip beim sogenannten „Containern“. Doch, während es in anderen europäischen Ländern wie Österreich und der Schweiz Müll als „herrenloses Gut“ gilt und somit auch das Mitnehmen von weggeworfenen Lebensmitteln geduldet wird, und in Frankreich und Tschechien sogar das Wegwerfen strafbar ist, gilt Containern in Deutschland als Diebstahl. Erst im Juni dieses Jahres ist der Hamburger Justizsenator an dem Vorhaben gescheitert, das Containern zu entkriminalisieren. Vor Kurzem wurde außerdem das im Januar gegen zwei containernde Studentinnen aus Oberbayern verhängte Urteil wegen „Diebstahl“ erneut bestätigt, nachdem diese in Revision gingen.

In Aachen findet am kommenden Dienstag, den 29. Oktober, im Linken Zentrum zum dritten Mal ein Abend mit gemeinsamem Kochen, Vortrag und Diskussion sowie anschließender Container-Tour statt. Bei einem solchen Abend haben wir mit Christian, Container-Aktivist und Autor des Buches „Volle Bäuche statt volle Tonnen: Containern gegen Lebensmittelverschwendung – Ein Aktivist klärt auf“, über das Thema gesprochen:

Was hat dich motiviert mit dem Containern anzufangen?

  • Ich habe angefangen mit dem Containern, da ich einfach wenig Geld hatte. Zudem kam die Neugier, wie viel tatsächlich weggeworfen wird. Heute versuche ich dadurch, eine kritische Öffentlichkeit herzustellen.

Hattest du Angst davor, beim Containern erwischt zu werden?

  • Ja klar. Am Anfang hat man ein mulmiges Gefühl. Irgendwie weiß man, dass es legitim ist, aber auch, dass man etwas verbotenes tut.

Die Verurteilung gegen zwei Studentinnen, die containert haben, wurde kürzlich noch einmal bestätigt. Was denkst du darüber?

  • Für mich hat es vor allem gezeigt, dass kämpfen sich lohnt. Das ursprüngliche Urteil von 1200€ Strafe pro Person wurde deutlich abgemildert. Das weist darauf hin, dass viel mehr gekämpft werden muss. In Aachen wurden auch schon zwei Typen (Männer?) - von der Staatsanwaltschaft, nicht dem Supermarkt - wegen Containern angeklagt. Es wurde die große Kampagne "Containern ist kein Verbrechen" ins Leben gerufen. Knapp 127.000 Unterschriften wurden in einer Online-Petition gesammelt und es gab immer wieder Aktionen. Die angekündigte Verhandlung wurde dreimal verschoben, immer da wir dann auch eine Aktion angekündigt hatten. Schließlich wurde die Anklage fallen gelassen. Es gibt eine hohe Solidarität, nicht nur politisch, sondern auch anwaltlich und finanziell.

Wie sollte sich deiner Meinung nach die Rechtslage ändern? Hin zu einer Entkriminalisierung des Containerns oder sollten eher die Konzerne verpflichtet werden, keine Lebensmittel wegwerfen zu dürfen?

  • Ziel sollte es sein, nichts mehr containern zu können. Das heißt, die Produktion soll sich an den Bedürfnissen orientieren. Meiner Meinung nach muss man am Anfang der Produktionskette ansetzen, nicht am Ende. Am Ende gegebenenfalls dann zusätzlich. Die Entkriminalisierung des Containerns wäre ein erster Schritt. Der Zweite könnte sein, die übrig gebliebenen Lebensmittel in Regalen und Kühlschränken zugänglich zu machen. Das würde den Umsatz ändern und die Produktion würde angepasst. Es muss an die Profite gehen.

Was motiviert zu Containern, wenn es inzwischen auch legale Alternativen wie Foodsharing gibt?

  • Man stellt Öffentlichkeit her. Zudem kooperiert man nicht mit den Unternehmen, die für die Misere verantwortlich sind. Für mich besitzt Containern einen höheren Ehrlichkeitsfaktor. Bei Foodsharing ist man abhängig von den Unternehmen und dem was zur Abgabe ausgesucht wird. Man verpflichtet sich auch nicht schlecht über kooperierende Unternehmen zu reden. Beim Containern sieht man die ungefälschte Wahrheit und was wirklich alles in der Tonne landet.

Hast du Tipps für Interessierte oder Anfänger, die eventuell unsicher sind?

  • Am Anfang würde ich mich mitnehmen lassen. Man kann in der Facebook-Gruppe Aachen containert fragen oder sich an die Aachener Linksjugend wenden. Sonst würde ich empfehlen sich Zeit zu lassen, Handschuhe mitzunehmen und nichts zu containern, was nicht verpackt oder schlecht zu reinigen ist. Wenn man sehr große Mengen findet, sollte man sich nach Rückrufen erkundigen. Generell sollte man nicht laut sein, kein Dreck hinterlassen und man sollte deutlich nach Ladenschluss kommen, um Mitarbeiter nicht in unangenehme Situationen zu bringen. Sonst gibt es auch regelmäßig Info-Veranstaltungen zum Thema Containern.